Zeitreise. Der Podcast
Geschichte, die vermeintlich jenseits des Spektakulären liegt. Drei Historikerinnen reisen durchs 20. Jahrhundert und blicken insbesondere auf Unerzähltes und Stimmen, die sonst oft überhört werden. Gerade in diesen Geschichten steckt das Potenzial, unser Verständnis der Gegenwart zu verändern und neue Sichtweisen zu eröffnen.
Zeitreise. Der Podcast
ds Aromat: Mehr als nur ein Gewürz
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Aromat gilt als fast schon selbstverständlicher Teil der Schweizer Alltagsküche. Was heute nach Kindheit, Kantine oder Frühstücksei schmeckt, begann als Antwort der Lebensmittelindustrie auf eine Gesellschaft im Umbau: Kochen sollte schneller, Vorratshaltung einfacher und Hausarbeit effizienter werden. Die Streuwürze führt uns mitten in eine Lebensmittelrevolution. Vorangetrieben wurde sie nicht nur in Fabriken und Küchen, sondern auch durch Inserate, Rezeptbroschüren und Kochvorführungen – dort, wo neue Bedürfnisse, Kochgewohnheiten und Vorstellungen vom modernen Leben geschaffen wurden.
Wir verfolgen die Geschichte des Produkts bis zur Entdeckung von Umami in Japan und fragen, weshalb Glutamat wissenschaftlich als unbedenklich gilt, aber weiterhin misstrauisch betrachtet wird. Eine andere Spur führt zu schwacher Forschung, Medienhypes und antichinesischen Vorurteilen in den USA. Und schliesslich gehen wir auch der Karriere von Aromat in Südafrika nach, wo das gelbe Gewürz ebenfalls zum kulinarischen Alltag gehört – allerdings mit einer eigenen Geschichte und Bedeutung, die viele so wahrscheinlich nicht erwarten würden.
So wird aus einer Streudose eine Folge über Lebensmittelindustrie, Geschmacksforschung und globale Warenwege – und darüber, wie Marketing aus einem Fabrikprodukt ein Stück Heimat machen kann.
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«Zeitreise», der Podcast, der die
Vergangenheit hörbar macht.
Mit Ausflügen in unbekanntere
Kapitel der Geschichte.
Vorwärts und rückwärts durch
das 20. Jahrhundert.
Und über Umwege vom kleinen Details
zum grossen Ganzen.
Ich bin Simone Rees.
Mein Name ist Barbara Miller.
00:24
Hallo miteinander.
Wir sind wieder zurück nach der Sommerpause und ausgerüstet mit ganz viel Energie, neue Themen und noch viel, viel
viel mehr Ideen.
Wir steigen mit einer Folge ein, die wir bereits vor der Live-Schaltung des Podcasts immer mal wieder ins Auge
gefasst haben und dann ein bisschen auf die Seite gestellt haben.
Ich habe das Gefühl, wahrscheinlich weil wir dann mit der Kartoffel als erste Folge eingestiegen sind
und uns gesagt haben, nicht schon wieder Food History, sonst wird es ein bisschen monothematisch.
00:58
Obwohl es mega gut gepasst hätte zur Kartoffel!
01:01
Genau.
Wir widmen uns nämlich heute endlich der Geschichte hinter dem gelben ikonischen Streuwürzmittel,
das in ganz vielen Schweizer Küchen und vor allem in Schweizer Restaurants fast selbstverständlich
neben Salz, Pfeffer und Maggi steht.
01:21
Genau.
Die Streuwürze feierte vor zwei Jahren, also 2024, ihren 70. Geburtstag.
Und obwohl sie eigentlich nur aus Salz, Gewürzen, Kräutern und einem Geschmacksverstärker besteht,
ist sie für viele weit mehr als einfach nur ein Gewürz.
01:39
Das zeigte sich ja sehr, sehr eindrücklich Ende März 2026, also vor ein paar Monaten,
angekündigt wurde, dass der britische Mutterkonzern Unilever mit dem amerikanischen Gewürzkonzern McCormick
zu fusionieren gedenke. Und dann ging es los!
Man hat in den Medien vom heimischen Nationalgewürz gesprochen, das nicht in amerikanische Hände fallen dürfe,
und ob es sich denn beim Aromat nicht um eine Art heimisches Kulturerbe handle, ist die Frage gestellt worden
Und in kürzester Zeit wurde dann auch eine Petition lanciert mit dem Titel „Aromat ghört dr Schwyz“.
Und in einer Woche wurde die schon fast 10.000 Mal unterzeichnet. Also wir sehen,
kein anderes Würzmittel löst in der Schweiz derart emotionale Reaktionen bei Schweizer:innen aus, oder?
02:43
Ja, Aromat ist eben weit mehr als einfach nur ein Küchenprodukt.
Es ist für viele ein Stück Alltag, ein Stück Kindheit.
Also auch bei mir, ich verbinde sehr viel von meiner Kindheit mit Aromat.
02:57
Habt ihr das zu Hause gehabt?
02:58
Natürlich, ihr nicht?
03:00
Nein.
Nein.
03:02
Was hast du für eine Kindheit gehabt?
03:05
Nein, aber meine Eltern waren voll Anti-Convenience-Food.
Also das Einzige, was es bei uns gab, war Fertigrösti, Stocki und Gnocchi.
Das wären jetzt so die Convenience-Sachen, die es bei uns gegeben hat. Und Aromat gab es zu Hause nicht.
Und darum habe ich natürlich als Teenager....
03:25
Rebellion!
03:26
Eine riesige Rebellion.
und wie wir aus der Folge zum Frühstück wissen, habe ich immer sehr gerne gebruncht.
Und für mich hat wirklich Aromat...
Das habe ich dann in unsere Küche importiert, weil ich fand, so ein Frühstücksei, da gehört eigentlich Aroma drauf.
Genau.
Okay aber ihr hattet das auf jeden Fall. Hattet ihr Maggi dann auch daheim?
03:44
Nein.
Nein.
Das nicht, aber Aromat.
Und wirklich so zu Rösti, zu gekochten Kartoffeln oder im Sommer einfach auf Tomaten:
Das hat irgendwie fix dazugehört. Ich verbinde Aromat sehr stark mit meinem Bruder -
Entschuldigung, Bruderherz, falls du zuhörst -
der war ein riesiger Fan von Aromat, ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie aktiv er das heute noch lebt.
Also man erzählt heute noch die Geschichte, dass das Aromat auf dem Tisch stand
und er hat da ein bisschen sehr großzügig nachgewürzt und meine Eltern fanden es reiche jetzt
Und er meinte, es sei noch nicht überall gedeckt, es sei noch nicht überall gelb auf dem Teller.
04:23
Wow.
Ein grosser, grosser Fan.
04:28
Ja, und Aromat ist für viele sogar ein Stück Schweizer Identität.
Also HistorikerInnen und KulturwissenschaftlerInnen sprechen in diesem Zusammenhang von "kulinarischer Identität".
Damit ist gemeint, dass eben Lebensmittel Teil von Erinnerungen, von Alltagspraktiken
und gemeinsamen Vorstellungen werden. Oder eben davon, was als typisch für eine Region, für eine Familie
oder eben für ein Land gilt. Also wie ein Träger von Heimatgefühl und von Zugehörigkeit.
Und für viele gehört in der Schweiz, eben neben der Rösti, neben Stocki, neben dem Gruyère, der St. Galler Bratwurst
oder neben dem Bündnerfleisch die gelbe Streuwürze zur kulinarischen Identität.
05:10
Ja, und spannend ist jetzt eben auch dass Andere wiederum – während niemand über Bündnerfleisch debattiert –
05:18
Don't you dare.
05:19
Das andere wiederum das Aromat eigentlich als ein in Gewürz gegossenen Ausdruck von einfallslosem
Schweizer Bünzlitum sehen. Und ja auch als Ausdruck von einer ungesunden industriellen Fertigküche,
die den Geschmack lieber aus der Dose als aus frischen Zutaten bezieht.
Und genau darum finden wir lohnt sich eben einen Blick in seine Geschichte.
05:46
Ja, und es geht heute um viel mehr als um die Geschichte eines Gewürzes.
Es geht um die Entstehung der modernen Lebensmittelindustrie, es geht um Convenience Food.
um neue Vorstellungen von Geschmack und Ernährung, um Marken wie Maggi und Knorr und schließlich um einen Stoff,
der bis heute ganz kontrovers diskutiert wird, nämlich um Mononatriumglutamat oder kurz MSG.
06:08
Nur ganz kurz eine Zwischenfrage: Sagt man Maggi?
06:11
Das ist eine spannende Frage. Ich bin sehr froh, dass sie aufgeworfen wird.
Also was meine zugegebenermassen sehr kurze Recherche ergeben hat, ist, dass der Erfinder -
es ist ja benannt nach dem Erfinder, wir kommen gleich noch darauf – aber der war Italiener.
06:26
Genau.
06:27
Und darum heisst er Maggi.
Aber das ist eingedeutscht worden. Und also zum Beispiel in Deutschland spricht man ja konsequent von Maggi.
Und in der Schweiz ist das, glaube ich, so ein bisschen geteilt.
06:36
Okay, cool.
06:37
Ich habe gelernt, dass es Maggi heißt.
06:39
Okay, cool. Wir machen es dem Fall einfach halb-halb hier.
06:42
Genau. Wir widerspiegeln die geteilte Begriffsverwendung.
06:47
Also auf jeden Fall noch wegen dem MSG: Dieser Stoff führt uns wieder über unsere Landesgrenzen hinaus.
Unsere Geschichte beginnt zwar in den Schweizer Küchen, führt uns aber auch nach Japan,
wo ein Chemiker den fünften Grundgeschmack entdeckt; weiter in die USA, wo aus einem Leserbrief eine weltweite
Gesundheitsdebatte entsteht und schließlich nach Südafrika, wo Aromat eine ganz eigene Geschichte geschrieben hat.
07:12
Ja, die Geschichte des Aromats ist also überraschend global.
Sie erzählt von Wissenschaft und Werbung, von Geschmack und Gesundheit,
von nationaler Identität und eben auch von weltweiten Verflechtungen.
07:23
Und für zu verstehen, warum Produkte wie Aromat oder Maggi überhaupt entstehen können,
müssen wir zuerst einen Schritt zurück machen, genauer gesagt ins 19. Jahrhundert,
weil, bekanntlicherweise, hat ja die Industrialisierung den Alltag der Menschen grundlegend verändert.
wie wir zum Beispiel schon in der Folge zur Kartoffel gehört haben.
Also immer mehr Menschen sind vom Land in die Städte gezogen und Frauen wie auch Männer haben in Fabriken gearbeitet,
meistens sechs Tage pro Woche und elf oder mehr Stunden täglich.
Das hatte natürlich auch Folgen für die Essgewohnheiten, die tiefschneidend waren, denn wer den ganzen Tag
in der Fabrik steht, kann nicht mehr wie früher einen großen Teil seiner Lebensmittel selber anbauen
oder stundenlang kochen. Nahrung musste jetzt vor allem eins sein: günstig, möglichst nahrhaft lang haltbar
und sehr schnell zuzubereiten.
08:24
Und gleichzeitig entstanden auch genau da für die technischen Voraussetzungen.
Also mit neuen Düngemitteln konnte man die landwirtschaftlichen Erträge steigern,
Die Eisenbahn hat Transportwege verkürzt, neue Konservierungsmöglichkeiten haben die Haltbarkeit
von Lebensmitteln verlängert und die industriellen Produktionsverfahren haben es eben möglich gemacht
Nahrung zum ersten Mal in großem Maßstab herzustellen.
08:49
Mit anderen Worten könnte man eigentlich sagen, es ist eine völlig neue Nachfrage entstanden
und gleichzeitig haben sich die technischen Möglichkeiten etabliert, um genau diese Nachfrage zu bedienen.
Also in diesem Spannungsfeld ist jetzt eben die moderne Lebensmittelindustrie entstanden.
09:06
Und die Schweiz war ganz vorne mit dabei kann man sagen! Es wurden in wenigen Jahren zahlreiche Unternehmen gegründet,
deren Namen wir bis heute kennen.
1866 haben zum Beispiel die Gebrüder Page in Cham ihre Kondensmilchfabrik eröffnet,
und ein Jahr später hat Henri Nestlé in Vevey sein berühmtes Kindermehl entwickelt.
Es folgen Konservenfabriken, später die Schokoladen- und Milchindustrie und dann eben auch Unternehmen
wie Maggi oder Knorr.
09:37
Genau und interessant ist jetzt hier, dass hinter dieser Produktion nicht nur Unternehmer und Investoren standen.
Die Lebensmittelindustrie war von Anfang an ein internationales Projekt, dass Wissenschaft, Technik
und Wirtschaft eng zusammengearbeitet haben.
Ein gutes Beispiel ist hier die Kondensmilch. Da ist die entscheidende Technik dafür –
nämlich das Eindampfen von Milch im Vakuum – die wurde Anfang des 19. Jahrhunderts in England entwickelt,
später in den USA weiter verbessert und schließlich Kam sie über die USA in die Schweiz.
Aus diesem Dreiklang ist die "Anglo-Swiss Condensed Milk Company" entstanden
die dann Jahrzehnte später mit dem heute weltweit grössten Lebensmittel- und Getränkekonzern fusionierte,
der seinen Sitz in der Schweiz hat, nämlich Nestlé.
10:31
Ich habe mich gerade gefragt: Was ist mit der Kondensmilch passiert? In meiner Kindheit hatte meine Mutter
oft so eine Tube im Kühlschrank, vielleicht fürs Backen, und wir haben immer ein bisschen probiert.
Das ist ja sehr, sehr gezuckert und natürlich mega fein!
10:46
Ich kenne es nur noch, dass Menschen es beispielsweise auf Wanderungen mitnehmen oder solche Sachen,
weil es eben extrem viel Zucker drin hat und ohne Kühlschrank haltbar ist.
10:56
Es fällt mir bloß auf, wenn ich manchmal Rezepte nachschlage. In Rezepten aus den USA ist Kondensmilch.
noch relativ oft eine Zutat und in den hiesigen Küchen ist es ja weitgehend verschwunden.
11:08
Es sind ja in den USA nach wie vor auch andere Ernährungsgewohnheiten.
11:14
Ja ja, es ist ja eh viel mehr Convenience, absolut.
Parallel dazu entstehen ganz neue Wissenschaften des Essens. Chemiker, Mediziner und Physiologen untersuchen,
welche Nährstoffe braucht der menschliche Körper überhaupt. Dahinter steht eine sehr moderne Vorstellung:
Man ging davon aus, dass der menschliche Körper wie eine Maschine funktioniert, also wie eine Dampfmaschine.
Und so wie eine Dampfmaschine nur mit dem richtigen und genügenden Brennstoff leistungsfähig ist,
brauche eben auch der Mensch die richtige Ernährung, die richtigen Energielieferanten.
Als besonders wichtig hat man dabei Eiweiss erachtet, vor allem tierische Proteine.
Also Ernährung wird zunehmend zu einer wissenschaftlichen Frage und genau daraus entsteht die Idee,
Lebensmittel ganz gezielt zu entwickeln, zu verbessern und industriell herzustellen.
12:07
Und genau an dieser Schnittstelle begegnen wir zwar noch nicht dem Aromat, allerdings einem anderen Würzmittel,
das heute noch in vielen Restaurants stolz neben Zahnstochern, Salz und Pfeffer steht,
nämlich dem bereits angesprochenen Maggi, benannt nach dem Schweizer Julius Maggi.
Und hier sehen wir bereits: Während Aromat historisch und produktionslogisch gar nicht so schweizerisch ist,
das werden wir später noch genauer auffächern – ist Maggi wirklich ein Schweizer Urgestein und Exportschlager
also wirklich etwas, das global die Küchen revolutioniert hat. Also jetzt hat Julius Maggi 1869
mit 23 Jahren die väterliche Getreidemühle im Zürcher Kemptal übernommen
und zu diesem Zeitpunkt steckte die Müllerei-Branche in der Krise.
Der Grund für diese Krise war das durch Dampf betriebene Ozeanschiffe, die Eisenbahn und die florierende
Industrialisierung immer mehr günstiges Getreide aus den Ländern mit Agrarüberschüssen importiert wurde.
Und Julius Maggi hat sich etwas Neues einfallen lassen, um den Familienbetrieb am Laufen zu halten.
Er er begann, mit Hülsenfrüchten zu experimentieren und Mehl zu entwickeln.
Das machte ja auch Sinn weil er das von seiner Familienbranche her kannte.
13:30
Müller, bleib bei deinen Leisten.
13:33
Genau,
Und er entwickelte Fertigsuppe aus diesem Mehl, vor allem aus Erbsen und Bohnen,
die sehr nährstoffreich waren, preiswert und schnell zuzubereiten. Und so hat er zunächst
nicht das, was wir heute kennen, entwickelt, sondern die sogenannte "Leguminose", also ein Suppenmehl,
dass die Volksernährung gerade unter Arbeiterinnen und Arbeitern verbessern sollte
14:00
Klingt alles sehr vielversprechend aber das Suppenmehl hatte einen sehr grossen Nachteil: Es hat nicht geschmeckt.
Was bei einem Lebensmittel eben durchaus ein wichtiges Kriterium ist.
14:13
Das spielt eine Rolle.
14:15
Und darum ist das Zielpublikum eben gerade die Fabrikarbeiter:innen, die blieben bei
Kartoffeln und Kaffee-Ersatz und auch das Bürgertum fand nicht wirklich Geschmack an diesen faden Armenmahlzeiten.
Also Geschmack musste her und so hat Herr Maggi 1886 ein Bouillon-Extrakt erfunden,
und dieses hat ganz einfachen Gerichten einen kräftigen, fleischähnlichen Geschmack verliehen
und machte sie attraktiver, ohne dass dafür Fleisch verwendet werden musste.
Und dieser charakteristische Geschmack ist durch die Aufspaltung von pflanzlichen Eiweißen entstanden
wobei Glutamat freigesetzt wurde. Das ist historisch bemerkenswert, denn als Maggi seine Würze
entwickelt hat, wusste niemand, warum sie so herzhaft schmeckte. Darauf kommen wir später noch zurück.
Und dieses Extrakt genießt dann als Maggi-Würze weltweite Berühmtheit.
15:14
Es war ein bemerkenswerter Durchbruch in der Geschichte der Lebensmittel, der unsere Essgewohnheiten bis heute prägt.
Aber dass es dazu kommen konnte, dafür brauchte es viel mehr als einfach ein überzeugendes Produkt.
Denn selbst für die innovativsten Lebensmittel musste zuerst ein ganz anderes Problem gelöst werden.
Wenn wir uns das heute vorstellen, so hat sich die Frage gestellt:
warum sollten Menschen plötzlich eine Fertigsuppe, eine Konserve oder Würzmittel kaufe,
Produkte, die sie weder selber hergestellt haben noch jemals vorher gesehen haben.
Das klingt für uns heute selbstverständlich aber dazumals war es das natürlich überhaupt nicht.
Stellen wir uns den Kontrast vor: Vor der Industrialisierung es sind Lebensmittel meistens lokal,
oft sogar im eigenen Garten oder Stall produziert worden oder zumindest direkt angekauft.
Man hat direkt bei Müller gekauft, beim Bäcker oder beim Metzger und die Produzent:innen
persönlich gekannt und hat so Qualität auch über Vertrauen aber auch mit den eigenen Sinnen beurteilen können.
Man hat die Ware gesehen, sie gerochen und sie oft auch probieren können,
und mit der industriellen Lebensmittelproduktion hat sich das grundlegend verändert.
Jetzt werden Lebensmittel in Fabriken hergestellt, an diesen ominösen Orten, die man nicht selbst besuchen kann.
Sie werden verpackt und über weite Distanzen transportiert und zwischen Hersteller und Konsument*innen
entstand eine große Distanz, einerseits räumlich und andererseits persönlich.
16:56
Deshalb ging es zuerst einmal darum, auf eine neue Art und Weise Vertrauen herzustellen.
Also nicht mehr über den persönlichen Kontakt sondern über Marken und Werbung.
Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der Entstehung der modernen Markenartikel.
Die Lebensmittelindustrie gehört dabei zu den Pionieren. Mit Plakaten, Zeitungsinseraten, Schildern
oder mit aufwendig gestalteten Verpackungen haben sie ganz neue Werbeformen entwickelt,
die wir heute als selbstverständlich annehmen oder so vertraut damit sind, dass wir sie als selbstverständlich
ansehen, die es aber damals überhaupt nicht waren.
17:32
Dabei passiert etwas ganz Wichtiges. Werbung verkauft ja nie einfach nur das Produkt, in diesem Kontext Lebensmittel,
es wurden immer auch bestimmte Vorstellungen vom guten Leben verkauft.
Zum Beispiel die ideale Hausfrau, die ihre Familie verantwortungsvoll versorgt, gesunde und kräftige Kinder,
das haben wir ja bereits in der Folge zum Frühstück besprochen. Zucker auf dem Frühstückstisch macht stark.
Aber auch Natürlichkeit und Reinheit oder wissenschaftlich geprüfte Qualität und Expertise
Und im Schweizer Kontext natürlich auch Zuverlässigkeit, Fleiß und andere nationale Tugenden
Mit anderen Worten: Die Verpackung wurde zu einem Versprechen, weil die Qualität industriell hergestellter
Lebensmittel nicht mehr unmittelbar geprüft werden konnte, musste sie durch die Werbung kommuniziert werden.
Also Marken ersetzen gewissermassen das persönliche Vertrauensverhältnis zwischen Produzenten und Kundschaft.
18:31
Und gerade Julius Maggi war hier ein Pionier. Die ikonische Flasche für sein Flüssiggewürz mit der gelb-roten Etikette
hat er gleich selber entworfen und das Design bleibt bis heute fast identisch.
dann hat er als einer der Ersten eine Werbeabteilung eingerichtet und auf neue Formen
wie Plakate, Schilder und so weiter gesetzt. Er hat aber auch ein Punktesammelsystem mit Prämien etabliert,
Er hat Sammelbildchen verteilt und Degustationen, also alles Strategien, die wir heute kennen
und als selbstverständlich betrachten, aber eben damals war das ausgesprochen innovativ.
Ende 1886 hat er für die Texte seiner Werbung den Dichter Frank Wedekind eingestellt
und der hat zum Beispiel so wunderbare Reime geschaffen wie:
«Das wissen selbst die Kinderlein
mit Würze wird die Suppe fein.
Darum holt das Gretchen munter
die Maggi-Flasche runter."
19:30
Süss.
ja aber der Erfolg von Maggi... Schreibt es uns doch bitte in die Kommentare!
19:39
Ja, bitte.
19:41
Maggi oder Maggi?
Der Erfolg von Maggi zeigt sich nicht nur in den Verkaufszahlen. 1908 hat das Unternehmen
den berühmten Bouillon-Würfel, den wir heute noch kennen, auf den Markt gebracht den sogenannten Bouillon-KUB.
Und dank der für die damalige Zeit außergewöhnlich intensiven Werbekampagne ist das Produkt in kürzester Zeit
so bekannt geworden – und jetzt haltet euch fest – dass Pablo Picasso himself
den KUB schon 1912 in seinem Gemälde "Paysage aux affiches" verewigt hat.
Und dass nun Picasso den Maggi-KUB 1912 in seinem kubistischen Gemälde aufnahm, zeigt mehr als nur
die Bekanntheit dieser Marke zeigt vor allem, dass die industrielle Lebensmittelproduktion
bereits Teil der modernen Bildwelt wurde. Der Bouillon-Würfel stand für eine neue Epoche
für standardisierten Geschmack, für massenhafte Produktion und aggressive Werbung
und für den Einzug der Konsumindustrie in den regulären Alltag.
20:54
Ich glaube dann hast du es geschafft, wenn du in einem Gemälde verewigt wirst als Lebensmittel.
Das Einzige Äquivalent, das mir in den Sinn kommt, ist die Tomatensuppe vom Warhol
21:07
Aber das war ja auch ein Industrieprodukt, diese Tomatensuppe. Die war ja in Dosen.
21:12
Genau
Deshalb ist dieser Bouillon-Würfel, dieser KUB, kunsthistorisch so interessant,
weil Picasso nicht einfach ein Produkt gemalt hat sondern wie ein Symbol der Moderne
Die Lebensmittelindustrie war nicht mehr nur in der Küche präsent, sondern auch im öffentlichen Raum, in der Werbung
und schliesslich sogar in der Avantgarde-Kunst. Der Bouillon-Würfel wird damit nicht bloß zur Nahrung
sondern ein Zeichen dafür, dass sogar Geschmack zur industriell herstellbaren
und global vermarktbaren Ware geworden ist.
21:45
Herr Maggi hat sich aber nicht darauf beschränkt, neue Lebensmittel zu entwickeln, er hat die
ganze Produktion neu gedacht, um unabhängiger von Zulieferern zu werden, hat das Unternehmen
hat das Unternehmen große landwirtschaftliche Flächen aufgekauft und begonnen einen Teil der
der benötigten Rohstoffe selber anzubauen. Das hatte weitreichende Folgen.
Viele Kleinbauern verkauften ihr Land an Maggi oder mussten verkaufen, müsste man vielleicht sagen.
und wurden anschliessend von Grundbesitzern zu Fabrikarbeitenden im zürcherischen Kemptthal
Innerhalb von wenigen Jahrzehnten ist dort eines der wichtigsten Zentren der schweizerischen
Lebensmittelindustrie entstanden. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ist Julius Maggi mit mehreren
100 Hektaren Land, sogar einer der größten privaten Grundbesitzer in der Schweiz.
22:44
Und das alles mit einem Gewürz.
Er führte für seine Mitarbeitenden auch verschiedene Sozialleistungen ein, z. B. eine Betriebskrankenkasse
eine Altersvorsorge oder Arbeiterwohnungen – darauf kommen wir in zwei Wochen nochmals zu sprechen
nehmt das gedanklich schon mal mit –
Also Unternehmerischen Erfolg und sozialreformerischer Anspruch gingen bei Maggi
zumindest teilweise Hand in Hand.
Nach dem frühen Tod von Julius Maggi im Jahr 1912 ist das Unternehmen weiter gewachsen,
und wurde zu einem internationalen Konzern. Erst 1947, also Jahrzehnte später, hat Maggi mit Nestlé fusioniert
Dazwischen liegt allerdings ein weniger bekanntes Kapitel. Während der Zeit des Nationalsozialismus passte sich
die deutsche Maggi-Gesellschaft dem Regime an. Es bekam Aufträge für die Wehrmacht
macht ja auch extrem Sinn, oder? Für das Militär.
und hat wie ganz viele andere Unternehmen Zwangsarbeiter:innen eingesetzt.
Also vielleicht kann die Fusion mit Nestlé als Versuch gelesen werden dieses dunkle Kapitel
in ein anderes Image einzupassen.
23:59
Absolut.
Was vielleicht wichtig ist, bevor wir endlich auf das Aromat zu sprechen kommen, aber es hängt eben alles zusammen.
Interessanterweise waren diese Produkte zwar gedacht für die Arbeiter:innenschaft aber es waren
noch gar keine Massenprodukte. Sie sollten zwar die Ernährung der IndustriearbeiterInnenschaft verbessern,
aber viele Arbeiter:innen-Familien konnten sich die neuen Lebensmittel am Anfang gar nicht leisten.
Deshalb gehörten zu den ersten Kund:innen vielmehr das Bürgertum, Restaurants, Hotels und das Militär.
Erst in der Zwischenkriegszeit wurden industriell hergestellte Lebensmittel zu einem
festen Bestandteil des Alltags von breiten Bevölkerungsschichten.
Musik
24:53
Und etwa in diesem Zeitraum kommen wir nun zur Geschichte des Aromats.
Und Aromat ist gar nicht so genuin urschweizerisch wie Maggi, weil es der deutschen Firma Knorr gehört,
Eine Marke, die wiederum von Unilever geleitet wird, darum besitzt Unilever auch das Original-Rezept für das Aromat
und basierend auf diesem Rezept werden 3000 Tonnen Streusalz pro Jahr produziert, stell dir das mal vor.
25:20
Unglaublich.
25:21
Die Hälfte bleibt in der Schweiz und die andere Hälfte wird exportiert, vor allem in die umliegenden europäischen Länder
Ich habe nachgeschaut, man kann es also auch in Frankreich kaufen. Es ist, glaube ich, überhaupt nicht verbreitet
aber man bekommt es zumindest in Supermärkten.
25:37
Man findet es in der exotischen Lebensmittelabteilung.
25:44
Wahrscheinlich.5
Nein es steht dann so mit ganz vielen anderen Gewürzmischungen, mit Tex-Mex und eben die von McCormick.
25:52
Ah, okay, ja ja.
25:55
Es handelt sich dabei um eine Streumischung, die aus Gewürzen, Glutamat, Kräutern und Salz besteht
und die gelbe Färbung - eben, es ist noch nicht alles gelb auf dem Teller -
die kommt daher, dass es mit Kurkumapulver gelb eingefärbt wird.
26:10
Ich habe übrigens noch nachgeschaut
Ein grosses Problem, weshalb die Leute es nicht mehr gekauft haben, war ja nicht nur das Glutamat, sondern das Palmöl.
Habe ich an zahlreichen Orten gelesen. Jetzt habe ich natürlich für diese Folge hier
mir ein Aromat gegönnt, auch weil es mich wundernahm, ob es überhaupt noch schmeckt
Denn ich habe es schon Ewigkeiten nicht mehr probiert. Es ist unglaublich intensiv.
Es ist furchtbar. Ich weiß nicht, wie ich das als Teenager überall draufstreuen konnte.
Aber auf jeden Fall steht hier jetzt wirklich nichts mehr von Palmöl. Also offenbar haben sie das ersetzt,
denn ansonsten müssten sie es ja aufführen.
26:52
Genau.
26:53
Also da steht: Jodiertes Speisesalz, Geschmacksverstärkung, also Mononatriumglutamat, Zwiebel,
Speisesalz, Knoblauch, Zwiebelextrakt, Kurkuma, Brennmittel, Nelken, Lorbeerblätter. Na ja.
Also offenbar wurde das Palmöl auch überwunden. Also wo waren wir?
Knorr hatte jetzt eben als deutsches Unternehmen schon 1907 eine Niederlassung im schaffhausischen Thayngen
nur ein paar Kilometer von der deutschen Grenze entfernt und über lange Zeit war der Schweizer Standort stark
von der deutschen Muttergesellschaft abhängig. Das änderte sich während des Zweiten Weltkriegs
denn als Deutschland 1940 offenbar die Schweizer Niederlassung nicht mehr mit Fleischextrakt beliefern konnte
eben eine zentrale Zutat für die Suppen Bouillons war, hat Knorr Schweiz sich plötzlich gezwungen gesehen
eigene Lösungen zu entwickeln und aus einer Versorgungskrise kann man sagen,
ist wieder einmal eine regelrechte Innovationschance entstanden.
27:57
Nach dem Krieg konzentrierte sich Knorr deshalb zunehmend auf den Schweizer Markt
und in den 1950er Jahren sind gleich mehrere Produkte entstanden, die bis heute bekannt sind,
unter anderem der Hühner-Bouillon-Würfel oder auch Stocki, also der Kartoffelstock, und eben schließlich das Aromat.
Erfunden wurde das Aromat 1953 vom Schweizer Kocher Walter Obrist, das ist ein guter Schweizer Name, Walter Obrist.
und er hat dafür sogar seine Stelle als Küchenchef in einem der renommiertesten Restaurants der Schweiz aufgegeben,
um bei Knorr als "Erfindungskoch" neue Produkte zu entwickeln. Also das zeigt das Renommee, das das damals hatte.
28:40
Absolut, und es zeigt auch, dass es dort schon ein bisschen schweizerisch wird.
Also wenn diese Debatte in den Medien stattfindet, "ist Aromat nicht unser Nationalgewürz?"
dann könnte man ja zuerst sagen: Ja gut aber mit Knorr und nicht einmal Wurzeln in der Schweiz
aber jetzt mit Walter Obrist als Erfinder wird es natürlich sehr schweizerisch.
Interessanterweise hieß das Aromat zuerst aber gar nicht Aromat. Als das Produkt nämlich 1952 auf den Markt kam,
ist der Würfel unter dem sagen wir jetzt mal eher weniger attraktiven Namen „Pflanzenextrakt“ verkauft worden
Erst ein Jahr später hat es dann seinen heutigen Namen Aromat erhalten und ist eben nicht mehr als Würfel.
sondern als Streuwürze angeboten werden, also deutlich praktischer und auch ein bisschen attraktiver,
einprägsamer, sagen wir es mal so.
29:31
Ja und man muss sagen: Anfang der 1950er Jahre, der Zeitpunkt war günstig.
Wir haben einen ganz anderen Kontext als noch ein halbes Jahrhundert zuvor: der Wohlstand ist gestiegen,
immer mehr Haushalte verfügten über eine moderne Küche. Fertigprodukte standen als Sinnbild
für Fortschritt und Modernität. Also wenn man Kochbücher aus den 1950er Jahren anschaut, das war eigentlich
ein Zusammenmischen von Fertigprodukten und das wurde als moderne Küche angesehen.
Also es kann durchaus von einer kulinarischen Revolution gesprochen werden.
Und auch Knorr vermarktete die Streuwürze als Helfer im modernen Haushalt und die Werbung richtete sich fast
ausschliesslich an Frauen und verspricht...
30:12
Komisch.
30:15
Wonder why!
und verspricht, dass mit Aromat ganz alltägliche Gerichte schneller, einfacher und eben gleichzeitig
auch schmackhafter zubereitet werden können. Also Aromat wird Teil von einem grösseren Ideal
von der eben modernen, effizienten und guten Hausfrau der Nachkriegszeit.
30:34
Ja und die Markteinführung selbst war auch bemerkenswert, denn Knorr hat nämlich 10.000 von den Aromatstreuern
an Restaurants in der ganzen Schweiz verteilt und verschenkt. Das war ein sehr cleverer Move,
denn so sind die Gäste zuerst mal mit diesem Produkt in einem Restaurant in Berührung gekommen,
dass ja gewissermassen eine Art Qualitätssiegel und eine Verantwortung übernimmt,
also nicht im Laden, sondern direkt beim Essen.
31:01
Gleichzeitig sorgen der eingängigen Namen, aber auch das von einem Tessiner Grafiker extra gestaltete "Knorli"
und eine intensive Werbekampagne dafür, dass Aromat innerhalb weniger Monate einen aussergewöhnlich hohen
Bekanntheitsgrad erreicht. Also das Produkt bekam ein Gesicht und wurde sofort wieder erkennbar.
Also ich erinnere mich auch noch in meiner Kindheit, dass es zum Beispiel auf den Stocki-Packungen hinten drauf,
auf dem Karton, gab es einen Knorli, den man ausschneiden konnte und dann als Hampelmann zusammenbasteln.
Also diese Figur ist sehr genutzt wurden.
31:39
Ja so kam es dazu, dass nach Angaben von Knorr, also wir sprechen von Zahlen von dort,
schon ein Jahr später rund 80 % der Schweizer Bevölkerung die gelbe goldene Streuwürze gekannt haben.
Dabei muss man aber auch sagen, dass die Erfolgsgeschichte nicht überall in der Schweiz gleich verlaufen ist.
während Aromat in der Deutschschweiz und in der Romandie nämlich schon bald zu einem festen Bestandteil
von vielen Küchen und Restaurantischen wurde, blieb das Produkt im Tessin vergleichsweise unbedeutend.
dort orientierte sich die Alltagsküche weiterhin stärker an italienischen Essgewohnheiten, mit Olivenöl, mit Aceto
mit Pfeffer und frischen Kräutern.
32:26
Ja, also dass Aromat heute für viele fast selbstverständlich zur Schweizer Küche gehört, war keineswegs vorgezeichnet.
Hinter dem gelben Streuer steht im Krieg, steht wirtschaftlicher Wiederaufbau,
stehen aber auch neue Vorstellungen von Haushalt und Konsum und eben eine der erfolgreichsten Marketing-Kampagnen
der Schweizer Lebensmittelgeschichte.
Musik
32:59
Und gleichzeitig gehört jetzt Knorr zu den ersten Lebensmittelunternehmen in Europa,
die systematisch Mononatriumglutamat, kurz MSG, eingesetzt haben. Schon Ende der 1940er Jahre hat Knorr Glutamat
in Suppen Verwendet und mit Aromat ist jetzt der Geschmacksverstärker 1953 schliesslich
auf unzählige Schweizer Esstische gekommen. Und hier kommen wir eben zu einem gemeinsamen Nenner -
wenn man so will - die Aromat, Maggi und viele asiatische Würzmischungen gemein haben.
33:34
Sie verdanken ihren charakteristischen Geschmack einem Stoff, der seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert wird,
eben das MSG. Aber was genau ist das eigentlich?
Und um diese Frage zu beantworten müssen wir jetzt wieder mehr als 100 Jahre zurückgehen.
Denn diese Geschichte beginnt nämlich nicht in einer Fabrik sondern mit einem japanischen Chemiker.
Und der war überzeugt, dass die Wissenschaft bis anhin einen Geschmack übersehen hat.
34:01
Denn Anfang des 20. Jahrhunderts war man nämlich noch der Ansicht, dass der Mensch nur vier Grundgeschmäcker kennt:
und zwar sind das süß, sauer, salzig und bitter.
Der japanische Chemiker - wir schauen solche Namen übrigens vorher immer nach, ich probiere mein Bestes, das richtig
auszusprechen, aber es tut mir echt leid, ich werde bestimmt massiv failen dabei -
Kikunae Ikeda zweifelte das an. Beim Essen einer traditionellen Suppe aus Kombu-Algen fiel ihm auf,
dass die einen ganz eigenen Geschmack besass, der sich keiner den vier bekannten Kategorien zuordnen liess.
34:47
Und um diese Vermutung zu überprüfen hat Ikeda den geschmacksgebenden Stoff aus den Algen isoliert,
also mit aufwendigen chemischen Trennverfahren und er hat eben nachher Glutaminsäure als Ursache
für den bislang namenlosen Geschmack identifiziert und er bezeichnete ihn 1909 als Umami,
ein Begriff, der sich vom japanischen Wort Umai ableitet und sich am besten mit köstlich, wohlschmeckend oder
oder herzhaft übersetzen lässt. Und heute ist Umami weltweit als Bezeichnung für den fünften Grundgeschmack etabliert.
35:27
Bemerkenswert ist hier auch, dass Ikeda seine Entdeckung nicht nur chemisch erklärt hat, sondern auch biologisch
begründet. Er argumentierte, dass Umami ein Geschmack von Eiweiß bzw. Aminosäuren sei und darum eine wichtige
Funktion erfülle. So wie süß auf energiereiche Kohlenhydrate hinweise, signalisiere Umami, proteinreiche Nahrung.
Er verstand Geschmack als ein Ergebnis von evolutionärer Anpassung.
36:02
Trotzdem stiess seine Arbeit zunächst auf Skepsis, insbesondere ausserhalb Japans.
zum einen erschien seine ausführliche Publikation nur auf Japanisch und zum anderen galt Umami
vielen Forschenden als zu subtil, um wirklich als eigenständiger Grundgeschmack anerkannt zu werden.
Das änderte sich erst Ende des 20. Jahrhunderts als mit der Entdeckung von spezifischen Umami-Rezeptoren
auf der menschlichen Zunge die Hypothese von Ikeda molekular-biologisch bestätigt werden konnte
36:35
Hier ist auch spannend, dass Ikeda seine Entdeckung von Beginn an nicht nur wissenschaftlich dachte,
sondern auch praktisch. Er hat bereits 1909 ein Patent zur Herstellung von Natriumglutamat als Würzmittel angemeldet.
36:48
Füchsli, ha!?
36:48
Er war dementsprechend cleverer als Herr Drais mit seiner Laufmaschine.
36:54
Kann man sagen!
36:57
Die Geschichte dieses Stoffes beginnt also nicht als Lebensmittelzusatz, sondern als Geschichte
einer wissenschaftlichen Entdeckung, die später industrielle, kulturelle und politische Bedeutung erlangte.
Und wenn heute über MSG gesprochen wird, denken viele sofort an chinesisches Essen.
Tatsächlich ist aber diese Verbindung historisch entstanden und überhaupt nicht selbstverständlich.
37:25
Ausgangspunkt war eigentlich ein Leserbrief im Jahr 1968 im renommierten "New England Journal of Medicine".
Ein ein chinesischer Arzt hat in diesem Leserbrief Beschwerden geschildert, die ihm nach einem
Restaurantbesuch aufgefallen sein und er hat verschiedene mögliche Ursachen vermutet.
unter anderem Sojasauce, der Kochwein oder eben Mononatriumglutamat.
Und er regte an, dies wissenschaftlich zu untersuchen aber ganz viele Ärzte haben diesen Brief zunächst
nicht ernst genommen und sogar im Gegenteil mit satirischen Antworten und Gedichten und Wortspielen reagiert
und dabei haben Sie sich nicht nur über die vermeintliche Krankheit oder die geschilderten Symptome
des chinesischstämmigen Arztes lustig gemacht, sondern sie haben immer wieder auf Klischees über das chinesische Essen
und die chinesische Kultur zurückgegriffen.
38:19
Genau hier setzt jetzt die Historikerin Jennifer LeMesurier an. Sie zeigt, dass die Witze einen ganz klaren
geschichtlichen Hintergrund der USA widerspiegeln. Schon seit dem 19. Jahrhundert galten chinesische
Einwander:innen vielen Amerikaner:innen als fremd und ihre Küche als komisch, unhygienisch oder sogar gefährlich.
Diese alten Vorurteile sind nie ganz verschwunden und sie prägten auch die Reaktionen auf diesen Leserbrief.
Der entscheidende Schritt kam als Medien und Zeitungen über diese Geschichte berichteten.
Die haben nun viele Aussagen aus diesen "medizinischen" Debatten übernommen, aber haben völlig den
satirischen Kontext weggelassen, also aus einem ironischen Austausch unter Ärzten, wurde in der Öffentlichkeit
scheinbar gesichertes medizinisches Wissen. Und Schlagzeilen warnten nun plötzlich vor dem sogenannten
"Chinese Restaurant Syndrom" und MSG wurde immer stärker mit chinesischem Essen gleichgesetzt.
Unglaublich! Diese Geschichte.
39:30
Und es ist bemerkenswert: Mononatriumglutamat kommt nicht nur in chinesischem Essen, in der chinesischem Küche vor .
Es steckt natürlicherweise auch in Tomaten, Pilzen oder in Parmesan und wird weltweit in ganz unterschiedlichen
Lebensmitteln verwendet. Aber trotzdem ist dann die öffentliche Wahrnehmung vor allem in Verbindung
zu chinesischen Restaurants, die blieb bestehen.
39:55
Ja, und die zentrale These der Historikerin LeMesurier lautet deshalb, dass die Geschichte des MSG eben nicht nur
etwas über Ernährung und Medizin erzählt, sondern vor allem darüber, wie wissenschaftliche Debatten, Medienberichte
und gesellschaftliche Vorurteile zusammenwirken und aus einer offenen wissenschaftlichen Frage
durch Wiederholung und mediale Zuspitzung eine scheinbar selbstverständliche Wahrheit wurde.
Und diese Wahrheit ist wiederum eng mit alten rassistischen Vorstellungen über chinesisches Essen verknüpft.
40:28
Seit den später in den 1960er Jahren hält sich die Vorstellung, MSG könne Kopfschmerzen, Herzrasen
oder andere Beschwerden auslösen. Aber wie sieht die wissenschaftliche Evidenz heute aus?
Eine grosse Übersichtsstudie hat sich im Jahr 2019 mit dieser Frage auseinandergesetzt und die Forschung
der vergangenen Jahrzehnte ausgewertet und sie kommt zu einem überraschend klaren Ergebnis:
Für die meisten behaupteten Gesundheitsrisiken gibt es bei einem normalen Verzehr von MSG
gibt es keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege.
Das ist so krass, oder?
41:06
Denn diese Überzeugung hält sich bei vielen als Wissen bis heute. Das bedeutet jetzt nicht dass niemand auf MSG
reagieren kann, wie bei vielen anderen Lebensmitteln gibt es Menschen, die empfindlicher sind als andere.
Die Vorstellung allerdings, dass MSG, dass Glutamat, grundsätzlich gesundheitsschädlich sei
oder das "Chinese Restaurant Syndrome" verursache, das ist mit heutigen wissenschaftlichen Daten nicht zu bestätigen.
41:36
Und ich betone es noch einmal: Glutamat ist eben nichts Künstliches oder Fremdes.
Wie gesagt, es kommt natürlicherweise in vielen Lebensmitteln vor und der Körper unterscheidet nicht
zwischen natürlichem Glutamat und Glutamat, das eben als Mononatriumglutamat zugesetzt wird.
41:54
Die Autor:innen dieser Übersichtsarbeit kritisieren deshalb vor allem die ältere Forschung zum Glutamat,
weil viele Studien, die die gesundheitsschädlichen Folgen belegen wollten, haben mit absolut unrealistisch
hohen Dosierungen oder mit Versuchsbedingungen operiert, die wenig mit normalem Verzehr im Alltag zu tun haben.
Also unglaublich, es hat dann auch wirklich die Wissenschaftspraxis des Nachweises beeinflusst,
dass man unbedingt beweisen wollte, dass es so schädlich ist, dass man einfach irgendwie, keine Ahnung,
2 kg Glutamat pro Tag zugeführt hat und dann fand: Ja denen geht es gar nicht so gut. Es tut denen nicht gut
42:38
Das Fazit der Autor:innen dieser Überblicksstudie lautet daher: Nach heutigem Forschungsstand gibt es
keinen überzeugenden Beleg dafür, dass MSG - in den üblichen Mengen, wichtiger Punkt, -
für die Allgemeinbevölkerung gesundheitsschädlich ist. Also die Debatte um MSG erzählt darum nicht nur etwas
über Ernährung und Wissenschaft, sondern auch darüber, wie hartnäckig sich bestimmte Vorstellungen halten können,
selbst dann, wenn die wissenschaftliche Evidenz schon längst ein differenzierteres Bild zeichnet.
Musik
43:17
Gut, zum Abschluss kommen wir jetzt nach China und den USA, auf den südlichen Teil des afrikanischen Kontinents
zu sprechen, denn ohne diesen Ort kann man die Geschichte des Aromats auch nicht vollständig erzählen.
Denn obschon Aromat weltweit vertrieben wird, gibt es nur ein anderes Land, in dem es ähnlich beliebt ist wie in der
Schweiz, würde ich jetzt so behaupten, und zwar ist das Südafrika.
Ich selbst lebe jeweils die Hälfte des Jahres in Kapstadt und vor über zehn Jahren, als ich das erste Mal
in Südafrika war, staunte ich nicht schlecht, Barbara, als ich Aromat in den Geschäften aber auch auf allen
Tischen von Restaurants gesehen habe.
44:04
Ja, absolut. Und die Frage drängt sich hier auf: Warum ausgerechnet Südafrika?
Und offenbar konnte bis anhin darauf keine befriedigende Antwort gefunden werden, denn auch die Presseabteilung
von Unilever kann nur mutmassen und sie meinte, dass einerseits in der Kommunikation sehr viel Fokus
auf Emotionalisierung gelegt werde, statt nur funktionale Benefits zu kommunizieren,
wobei das jetzt noch überhaupt nichts erklärt, weshalb Südafrikaner:innen auf Aromat spinnen!
Andererseits habe es in Thayngen eine Exportabteilung gegeben, die viel Aromat nach Afrika verkaufte
und vielleicht rühre daher die Beliebtheit. Also sie wissen es nicht.
44:47
Genau.
44:47
Unter dem Strich.
Mittlerweile wird das omnipräsente Aromat in Südafrika auch dort hergestellt, und zwar im südafrikanischen Zweig
von Unilever in Durban.
44:57
Also das ist dann sicher eine Erklärung, dass dort so viel konsumiert werden kann, wenn es auch dort produziert wird.
45:06
Aber es wurde ja schon vorher viel konsumiert.
45:08
Genau.
Was ganz spannend ist, Aromat wird in Südafrika ganz anders verwendet. es wird nämlich vor allem auf das
Braii-Fleisch gestreut, also Braii, ist das südafrikanische Grillieren, ein sehr kulturell wichtiger Akt in
in der Gesellschaft.
45:25
Und wirklich Fleisch, also es sind Unmengen von Fleisch, die grilliert werden.
45:29
Ja, es wird dann auf Poulet gestreut, also Poulet vor allem, aber teilweise auch auf Steaks und solche Sachen,
oder auf Spiesschen. Und übrigens ist es auch sehr beliebt über alle Schichten hinweg.
Also gemäss einem Artikel von Swissinfo spricht der Junior Brand Manager von Unilever Südafrika
von geschätzten 5 bis 6 Haushalten in Südafrika, die Aromat konstant in der Küche haben, also in fünf bis sechs
Millionen südafrikanischen Haushalten. Und noch spannender wird es, wenn man sich anschaut, wie unterschiedlich
Aromat vermarktet wird. Also hier wären wir bei der Emotionalisierung, in die viel investiert wird,
wie du vorher erwähnt hast.
Denn in der Schweiz wird die Aromat als Gewürz der bürgerlichen Familienküche beworben, als praktische Hilfe
für die Hausfrau als kleiner Helfer, um den Kochalltag einfacher und effizienter zu machen.
In Südafrika sieht es ein bisschen anders aus. Das gleiche Produkt erzählt dort eine völlig andere Geschichte.
Dort ist Aromat eng mit der Braii-Kultur verbunden, aber auch mit Straßenessen und Popkultur.
Also zum Beispiel werden Rap-Songs gemacht und Musikvideos und die sind Teil einer jugendlichen, hippen Alltagskultur.
Zum Beispiel der Satz „Chips are stupid without Aromat“: Der gehört zum allgemeinen Sprachgebrauch.
Völlig faszinierend, wie total unterschiedliche Werbestrategien auf das gleiche Produkt angewendet werden.
47:09
Ein Rapsong zum Aromat!
47:11
Eben überhaupt nicht die in Gewürz gegossene Ausdrucksform des Bünzlitums, sondern im Gegenteil Jugendkultur.
47:21
Ja, jetzt in dem Artikel von Swissinfo, in dem Schweizer:innen eigentlich erklärt wird, weshalb auch
Südafrikaner:innen Aromat als Nationalgewürz verstehen, dort wird - man ahnt es bereits -
die Frage aufgeworfen, ob es sich dabei nicht um eine Form der kulturellen Aneignung handle.
47:41
Und das ist so ein klassisches Muster, das wir schon mehrmals beobachten konnten,
vor allem auch, um die Ernsthaftigkeit von solchen Fragen ins Lächerliche zu ziehen, gerade im kulinarischen Bereich.
Wenn eben jemand fragt: Ist es denn kulturelle Aneignung, wenn ich Tacos, Pizza oder Sushi esse?
48:00
Genau da müssen wir eben historisch sauber unterscheiden.
Kulturelle Aneignung meint nicht einfach, dass Menschen Gerichte oder Musik oder Kleidung aus einem anderen
kulturellen Zusammenhang übernehmen. Kultureller Austausch ist so alt wie menschliche Gesellschaften überhaupt.
Problematisch wird Aneignung dort, wo ungleiche Machtverhältnisse ins Spiel kommen,
wenn dominante Gruppen kulturelle Ausdrucksformen von marginalisierten Gemeinschaften übernehmen
daraus Anerkennung, Prestige oder Profit gewinnen, während diejenigen, von denen diese Formen stammen
weiterhin abgewertet, ausgeschlossen oder unsichtbar gemacht werden.
Ich finde ein wunderbares Beispiel, dass das so schön auf den Punkt bringt, ist der unglaubliche Erfolg, den der
Weisse Künstler Elvis Presley hatte mit Musik, die sich maßgeblich aus der afroamerikanischen Musikszene spiess,
wohingegen diese Szene lange Zeit unsichtbar blieb und nicht von diesem immensen finanziellen Profit profitierte
49:03
Genau, es geht eben nicht um die Frage, wer übernimmt was von wem, sondern eben vor allem wer verfügt über
Deutungsmacht, wer profitiert, sei es finanziell oder prestigemässig, und welche Geschichte wird gleichzeitig
dabei verdrängt. Darum greift eben auch im Fall von Aromat der Begriff der kulturellen Aneignung nicht,
denn hier eignet sich nicht eine dominante Gesellschaft ein kulturelles Gut einer marginalisierten Gruppe an.
Die Schweiz ist keine marginalisierte Gruppe und Unilever ist es sicher auch nicht.
Vielmehr wird ein industrielles Markenprodukt, das von einem multinationalen Konzern aktiv verbreitet wird,
in Südafrika in eine eigene Alltags- und Esskultur übersetzt. Es geht hier nicht um kulturelle Aneignung,
sondern eher um eine kulturelle Umdeutung, wenn man das so bezeichnen will.
49:57
Zum Abschluss kann gesagt werden, wenn wir heute in einem Restaurant das Aromat neben Salz, Pfeffer, Zahnstocher
und Maggi-Würze auf dem Tisch stehen sieht, denkt wohl kaum jemand an die Geschichte, die in dem kleinen gelben
Streuer steckt, also eben an die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts und an die Frage, wie Millionen von
Arbeiterinnen und Arbeitern ernährt werden können, an den Zweiten Weltkrieg, der den Schweizer Standort
von Knorr entscheidend geprägt hat...
50:25
Oder an einen japanischen Chemiker, der den fünften Grundgeschmack entdeckt hat.
Oder an die weltweite Karriere von Mononatriumglutamat und an die Tatsache, dass Aromat heute nicht nur zur
Schweizer Alltagskultur gehört, sondern auch in Südafrika längstens Teil einer ganz eigenen Esskultur wurde.
Es wird wieder deutlich – und das finde ich so faszinierend an diesem Format –
hinter ganz alltäglichen Sachen verbergen sich oft extrem globale und spannende Verflechtungen.
50:57
So dass man locker fast eine Stunde darüber sprechen kann.
Gerade in der Schweiz erlebt Aromat ja ein Comeback, eine Entwicklung, die es mit anderen Zutaten teilt,
die vorher als unzeitgemäss wahrgenommen worden sind, es ist wie eine Markierung einer "Bünzli-Zutat" als jetzt cool.
Und das wird vor allem in den sozialen Medien deutlich, wo zahlreiche Memes zirkulieren und auch ganz viele
Rezepte das Aromat anpreisen.
51:27
Und wir wollen das überhaupt nicht bewerten oder diese Entwicklung einordnen, denn wir sind natürlich auch keine
Ernährungsberaterinnen wollen hier auch keine Ernährungstipps mitgeben.
Aber ein historischer Blick auf die Lebensmittelindustrie und die Industrialisierung von Geschmack
oder eben Convenience Food macht schon deutlich, dass es sich hier um eine ambivalente Entwicklung handelt.
Einerseits hat die Lebensmittelindustrie wesentlich dazu beigetragen, die Versorgung zu stabilisieren
und Hungersnöte zu verhindern, die wir vorher in Europa immer wieder erlebt haben, dass das überwunden wurde.
52:05
Ja, und andererseits verändert sie die Ernährung grundlegend also industriell verarbeitete Lebensmittel
enthalten oft mehr Salz und Fett, weil es halt einfach den Geschmack verändert oder verbessert,
gleichzeitig aber weniger Vitamine und Ballaststoffe.
Nahrung wir nehmen zur Ware und damit auch abhängig von Preisen, von Märkten, von globalen Lieferketten.
Und genau in dem Umfeld entstehen Produkte wie eben Maggi oder später das Aromat.
Also es sind nicht einfach Gewürze, sondern sie sind Ausdruck einer Zeit, in der sich Ernährung, Wissenschaft
Industrie und Konsum ganz grundlegend neu geordnet haben.
52:45
Und was ich auch so unglaublich spannend finde ich an dieser Folge ist eben, dass auch unsere Vorstellungen davon
was als natürlich, künstlich, als gesund oder ungesund gilt, eben auch selber eine Geschichte haben
Sie entstehen nicht einfach im luftleeren Raum, sondern werden von Wissenschaft, Medien und
gesellschaftlichen Debatten geprägt und die Geschichte vom MSG hat das besonders eindrücklich gezeigt.
Denn obwohl die heutige Forschung für die meisten behaupteten Gesundheitsrisiken bei normalem Verzehr
keine überzeugenden Belege finden konnte, hält sich ja der schlechte Ruf von Glutamat bis heute erstaunlich hartnäckig.
53:25
Ja und die Geschichte von Glutamat ist eben nicht nur eine Geschichte von Ernährung oder Chemie,
sondern auch eine Geschichte darüber, wie Rassismus, wissenschaftliche Debatten, Wissensproduktion
und letztlich unsere Wahrnehmung von Lebensmitteln mitprägen kann.
53:39
Also selbst so ein scheinbar unscheinbares Gewürz wie Aromat erzählt uns also nicht nur etwas darüber,
wie wir Essen, es erzählt uns auch etwas darüber, wie Wissenschaft entsteht und sich wandelt,
wie Unternehmen Konsum verändern, wie nationale Identitäten konstruiert werden und schliesslich auch
wie eng Geschmack, Politik und gesellschaftlichen Machtverhältnissen miteinander verflochten sind.
54:09
Ja, das war's für heute mit der Geschichte des Aromats.
Wie gesagt, wir sind zurück aus der Sommerpause, voller Energie, voller Ideen.
Wenn ihr auch weiterhin Spaß habt an uns und uns gerne unterstützen möchtet, empfehlt uns doch weiter,
liked uns auf den sozialen Medien, verteilt Herzen und Thumbs up und...
54:31
Sternli, auf Spotify zum Beispiel.
54:34
was man so alles verteilen kann, sämtliche Symbole.
Und wenn ihr uns gerne finanziell unterstützen möchtet, ihr findet uns auf Steady. Ihr findet den Link in den Shownotes.
Mit einem Abo helft ihr natürlich dabei, dass dieses Projekt auch noch längerfristig weitergehen kann.
54:53
Herzlichen Dank fürs Zuhören und hoffentlich bis nächste Woche!
54:57
Tschüss miteinander.