Zeitreise. Der Podcast
Geschichte, die vermeintlich jenseits des Spektakulären liegt. Drei Historikerinnen reisen durchs 20. Jahrhundert und blicken insbesondere auf Unerzähltes und Stimmen, die sonst oft überhört werden. Gerade in diesen Geschichten steckt das Potenzial, unser Verständnis der Gegenwart zu verändern und neue Sichtweisen zu eröffnen.
Zeitreise. Der Podcast
d'Summerferie: Erfindung der Erholung
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Sommerferien: Sonne, Baden, Reisen, Erholung. Klingt selbstverständlich – ist es aber nicht.
In dieser Folge zeigen wir, wie Erholung erst erfunden, wissenschaftlich begründet und politisch legitimiert werden musste. Wir sprechen über Arbeitskämpfe und Menschenrechte, über Kurorte und Massentourismus, über Hotelplan, Nationalsozialismus und die DDR – und darüber, weshalb Staaten und Unternehmen ein grosses Interesse daran entwickelten, wie Menschen ihre freie Zeit verbringen.
Eine Folge über die politische Geschichte der Sommerferien – und darüber, warum hinter den schönsten Wochen des Jahres weit mehr steckt als Sonne, Strand und Dolce Vita.
Die erwähnte Quelle "Ferien auf Balkonien" des Schweizer Fernsehens aus dem Jahr 1967 könnt ihr hier nachschauen.
Wenn euch «Zeitreise» gefällt – folgt uns. Für Fragen und Feedback könnt ihr uns gerne eine E-Mail schicken an info@context-lab.ch.
Wer unsere Arbeit unterstützen möchte, findet uns auch auf Steady – wir freuen uns über jeden Beitrag, der uns hilft, weiterhin unabhängig durch die Zeit zu reisen.
00:02
«Zeitreise», der Podcast, der die
Vergangenheit hörbar macht.
Mit Ausflügen in unbekanntere
Kapitel der Geschichte.
Vorwärts und rückwärts durch
das 20. Jahrhundert.
Und über Umwegen vom kleinen Details
zum grossen Ganzen.
Ich bin Barbara Miller.
Und mein Name ist Simone Rees.
00:24
Hallo zusammen!
Bald ist es soweit.
Für viele von uns beginnt eine Zeit, auf die
man sich schon lange gefreut hat.
Manche warten sogar verzweifelt auf die
vielleicht schönste Zeit des Jahres.
Ja, es ist eine Zeit, die man im Allgemeinen mit Baden, mit Sonne, mit Erholung, aber auch mit Reisen verbindet.
Nämlich: die Sommerferien stehen vor der Tür.
00:47
Und eine repräsentative Umfrage hat nämlich für das Jahr 2024 ergeben, dass Herr und Frau Schweizer im Sommer nach
Sonne, Strand und Dolce Far Niente streben und das am liebsten bei unseren direkten Nachbarn
also Italien und Frankreich, wobei sich die meisten ein bis zwei Wochen leisten, rund 60%.
Aber über ein Drittel der Schweizer:innen gönnen sich sogar drei Wochen Sommerferien im Jahr,
was sie zu den beliebtesten und längsten Ferien für die Mehrheit in der Schweiz macht.
01:23
Vielleicht an dieser Stelle ein kurzer Hinweis: Wir sind auch über dem Durchschnitt.
Wir leisten uns nämlich auch eine drei-wöchige Sommerpause.
Das gibt euch vielleicht Zeit, um die eine oder andere Folge noch nachzuhören,
die ihr im regulären Betrieb verpasst habt oder vielleicht auch eine Folge noch mal zu hören.
Und uns gibt es die Möglichkeit, ein paar neue Ideen auszuarbeiten.
Wir haben schon recht viel auf unserer Liste. Aber falls ihr auch noch ein paar Ideen hättet
sind wir sehr gespannt auf Rückmeldungen. Wir nehmen sehr gerne Inputs auf. Ihr dürft euch jederzeit bei uns melden.
Wir sind also Ende Juli, am 30. Juli sind wir wieder zurück.
02:01
Genau.
Also der Podcast hat eine Pause, aber wir haben eigentlich keine Pause.
Wir sind also wirklich dran und bevor jetzt eben der Podcast in die Pause geht, haben wir gedacht
betrachten wir noch ein Thema, das uns alle in der nächsten Zeit beschäftigen wird
und das auch mit sehr vielen positiven Emotionen verbunden ist.
02:23
Also bevor der Podcast Ferien macht, machen
wir einen Podcast zu den Ferien.
02:26
Exactly.
Aber wenn wir eben auf die Geschichte der Ferien schauen, so wird ganz schnell klar, dass das nicht unbedingt auf eine
besinnliche Wohlfühl-Story reduziert werden kann.
1948 ist nämlich das Recht auf Freizeit, sowie auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit
und auf regelmässige bezahlte Ferien von der UNO als Menschenrecht festgelegt worden.
Als Reaktion auf über 100 Jahre Arbeitskämpfe, die wir heute unter anderem anschauen werden.
02:59
Und trotzdem sind Ferien heute alles andere als selbstverständlich.
Das wird ja schon deutlich, wenn wir uns Ferien im internationalen Vergleich anschauen.
Also wie viel Erholung der Menschen zugestanden wird, unterscheidet sich bis heute sehr deutlich.
Die Schweiz liegt im Durchschnitt. Mit ihren gesetzlich garantierten 20 Ferientagen
bewegt sie sich ungefähr im europäischen Mittelfeld.
Deutlich grosszügiger sind Länder wie Finnland oder Frankreich.
Oder auch Brasilien, wo vielerorts mindestens 30 Tage Ferien üblich sind, also die Hälfte unserer Ferientage zusätzlich.
03:36
Ja, in die anderen Richtungen ganz anders sieht es aus, wenn man zum Beispiel auf China schaut.
Aber noch überraschender in die USA, denn die sind eine starke Ausnahme unter den wohlhabenden Industriestaaten.
Also in den USA gibt es keinen gesetzlich garantierten Ferienanspruch.
Doch Ferien sind eher ein Privileg vom individuell verhandelten Arbeitsvertrag
und Angestellte beziehen im Schnitt rund 15 Tage pro Jahr.
In China sind es oft sogar nur 5 bis 10 Tage.
04:05
Dafür hat die USA ganz viele Feiertage.
Darauf kommen wir auch noch zu sprechen: das Verhältnis von Ferien und Feiertagen.
Aber wir sehen schon, obwohl viele von uns Ferien als ein Grundbedürfnis verstehen,
handelt es sich dabei um ein historisches Produkt von Arbeit, Staat, Kapitalismus und von Machtverhältnissen.
04:24
Ja, Ferien wurden erkämpft, verordnet, begrenzt und lange Zeit auch nur Wenigen zugestanden.
Wenn wir also heute abschalten, steckt dahinter eine Geschichte, die alles andere als entspannt ist.
04:39
Und wenn wir jetzt über die Ferien sprechen, dann meinen wir die arbeitsrechtliche Definition, also:
eine Unterbrechung der Arbeitszeit während einer im Voraus bestimmten Anzahl aufeinander folgender arbeitsfreier Tage
die der Arbeitgebende, dem Arbeitnehmenden
unter Fortzahlung des Lohnes gewährt.
Also sind wir zwei Punkte, die wichtig sind:
Einerseits aufeinanderfolgende Tage und andererseits eben die Lohnfortzahlung während dieser Zeit.
05:03
Genau.
Und diese Form von Ferien ist eben eine sehr junge Idee.
Und Ihre Geschichte erzählt viel darüber, wie sich in unserer Gesellschaft Vorstellungen von Effizienz,
von Kontrollen, von Freizeit und von Körpern entwickelten.
05:17
Schauen wir uns vielleicht zuerst einmal das Wort Ferien etymologisch genauer an.
Seine Herkunft verrät nämlich, dass Ferien ursprünglich mit ganz anderen Sachen verbunden war
als mit Strand, Liegestuhl und Dolce Vita.
Oh, Latein ist gar nicht meins.
Feriae?
Feriae?
Feriae?
Feriae?
05:36
Feriae.
Keine Ahnung, ich weiss es nicht.
Ich hatte nie Latein.
F-E-R-I-A-E.
05:43
Das ist das Problem mit den Zeitgeschichtlern, oder?
Die haben keine Ahnung von Latein.
05:488
Ja.
05:49
Also das lateinische Wort bezeichnet Festtage, die im antiken Rom den Göttern gewidmet waren.
Also nicht die Erholung des Einzelnen stand im Mittelpunkt, sondern die gemeinsame Unterbrechung des Alltags.
Und im christlichen Mittelalter lebt die Tradition weiter, an kirchlichen Feiertagen bleiben öffentliche Institutionen
wie Gerichte, Schulen und Universitäten geschlossen.
06:14
Interessanterweise spiegelt sich die ursprüngliche
religiöse Bedeutung ja auch direkt in der englischen Bezeichnung Holidays - also Holy Days.
Und ja, wir sehen, dass die Vorstellung, dass Ferien eine Zeit sind, in der der normale Betrieb stillsteht
eigentlich viel älter ist als die Idee von Erholung und Freizeit.
Es hat sich ja dabei nicht um eine Zeit gehandelt, in der man sich entspannen sollte,
sondern es war quasi ein kollektiver Gottesdienst, wenn man so möchte.
Und das überrascht vielleicht weniger, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass Erholung oder Untätigkeit
früher generell eher unter Verdacht stand. Im Christentum ist Nichtstun sogar als Todsünde begriffen worden.
Und Ruhe galt nur dann als legitim, wenn sie religiös oder funktional begründet war
also als Vorbereitung auf die Arbeit oder zum Gebet.
07:09
Also verfestigte sich ein Arbeitsethos, das moralisch aufgewertet wurde, während Musse
unter Rechtfertigungsdruck geriet. Die Idee, dass Menschen Erholung brauchen,
die hat zuerst kulturell erfunden werden müssen.
Im grossbürgerlichen Kurtourismus im 19. Jahrhundert verfestigt sich dann eine Idee,
die für unser Verständnis von Ferien zentral ist, nämlich dass der Körper keine unerschöpfliche Ressource ist.
Er braucht eben nicht nur Behandlung, er braucht auch Ruhe, er braucht frische Luft,
er braucht Bewegung und Abstand vom Alltag.
07:44
Man kann eigentlich sagen, dass Erholung medizinisiert wurde. Und Menschen reisten nun nach Davos
oder nach St. Moritz, weil der Körper als erschöpft, als überreizt oder geschwächt wahrgenommen wurde
und eben Heilung bedurfte.
07:59
Und weil es auch einfach schön ist in Davos.
Und in St. Moritz.
Entscheidend ist: Da wird der Körper zum ersten Mal als pflegebedürftiges, regenerationsbedürftiges Kapital gedacht.
Also nicht nur als bloßes Arbeitsinstrument, das man verbraucht, also braucht und verbraucht,
sondern als etwas, das Pausen braucht, um weiter zu funktionieren.
08:23
Wobei die Vorstellung natürlich noch ganz klar Klassen- und Machtgebunden war
Also nur die Oberschicht kommt es sich leisten Erschöpfung als legitim zu markieren
und Zeit, Geld und Orte für Erholung zu mobilisieren.
Arbeiter:innenkörper hingegen galten lange als austauschbar, Erschöpfung als moralisches Versagen
oder schlichtweg als irrelevant.
08:48
Jetzt der wichtigste Bruchmoment in der Geschichte der Ferien ist eigentlich die Industrialisierung.
Einerseits verändern sich im 19. Jahrhundert Produktions- und Arbeitsweisen und andererseits setzen sich
neue, auch hygienisch begründete Vorstellungen von Gesundheit und Erholung durch.
Im Kontext der Oberschichten spielten medizinische Vorstellungen der Zeit eine wichtige Rolle.
09:11
Ja, und hier war die sogenannte Nervosität ein Schlüsselbegriff.
Das war eine Art Zeitdiagnose des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, ein medizinischer Sammelbegriff,
unter dem alle Schattenseiten der Moderne subsummiert werden sollten.
Die Idee dahinter war, dass das moderne Leben die Nerven überfordere, es seien nicht Bakterien oder Viren.
sondern es sei das rasante Tempo, die Eisenbahnen, Fabriken, Telegrafen und Grossstädte
die zu einer Aufregung und Überreizung führen würden, inklusive Schlafstörungen und Ermüdungen etc.
09:55
Wenn du das so beschreibst, wird man gleich ein bisschen müde. Also es ist so....
Man steht sofort unter dem Eindruck von all diesen Reizen und der Schnelligkeit und so
10:03
Und sprechen wir ja von Anfang...
10:04
Man kann sich das mega vorstellen.
10:05
Ja, völlig.
Aber hier sprechen wir ja von Anfang des 20. Jahrhunderts, also von die Zeit- Diagnose des 21. Jahrhunderts
mit den sozialen Medien, das sieht noch mal ganz anders aus, die ganze Digitalisierung und Transport....
Schon verständlich, dass man dafür ein Krankheitsbild erschaffen wollte.
10:22
Ja, also ich meine, heute hat man das ja mit dem Detoxen auch oder? So das bewusste Abschalten.
Jetzt aber Anfang des 20. Jahrhundert: Gleichzeitig verdichtet sich die Arbeit in den Fabriken,
wo mindestens sechs Tage die Woche gearbeitet wurde, viele Stunden, oft unter gesundheitsschädlichen Bedingungen.
Es gab kaum freie Tage, vor allem auch deshalb, weil diese verdienstlos geblieben sind.
Also wenn man nicht gearbeitet hat, bekam man auch keinen Lohn. Das hätte für viele Menschen bedeutet,
dass sie ihre Existenzgrundlage nicht mehr hätten sicherstellen können.
10:52
Ja der Mensch wurde im wahrsten Sinne des Wortes an seine körperlichen Grenzen gebracht oder?
Also seine Arbeitskraft ist fast gänzlich ausgebeutet worden und gerade vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund
häuften sich Debatten über Müdigkeit, über Erschöpfung und über überarbeitete Körper.
Und das ist jetzt wichtig anzumerken: nicht etwa aus moralischen Bedenken
weil die Arbeiter:innen gelitten haben und krank wurden, sondern weil solche negativen Reaktionen
also eben Krankheit zum Beispiel oder Erschöpfung als wirtschaftliches Problem angesehen wurden.
Also sie haben in letzter Konsequenz die Produktivität eingeschränkt. Darum ging es.
Und darum ist die Frage, wie die Arbeitskraft erzeugt, erhalten und regeneriert werden kann,
zu einer zentralen - ja, quasi Obsession des späten 19. Jahrhunderts geworden.
Und darum hat der Historiker Anson Rabinbach argumentiert, dass die moderne Gesellschaft die Ermüdung
eigentlich eben regelrecht entdeckt hätte und erst dann damit die Erholung.
Also das Zusammenspiel von Ermüdung und Erholung immer in Wechselwirkung und eigentlich gleichzeitig entstanden ist.
Und in dieser Wissenschaft der Ermüdung sei jetzt eben der menschliche Körper zusehends als "human motor"
also als menschlicher Motor, verstanden worden.
12:18
Auch ein sehr technischer Begriff oder?
12:20
Mhm.
12:21
Ja, Experten beginnen deshalb auch über den Nutzen von arbeitsfreien Tagen zu sprechen oder zu diskutieren.
Also Erholung wird nicht länger als etwas gesehen, das den Menschen schwächt wie man es vorher
aufgrund von religiösen, moralischen Vorurteilen angenommen hat, sondern als etwas das leistungsfähiger machen könne.
Und das ist eine sehr wichtige neue Perspektive für die Geschichte der Ferien.
Ein spannendes Beispiel in diesem Zusammenhang ist ein Schweizer, der Basler Sozialreformer Adolf Haegler.
Der war ein wichtiger Vorkämpfer für den arbeitsfreien Sonntag und er hat eben den Begriff
der Ermüdung in die Medizin eingeführt und hat die Auswirkungen dieser Ermüdung auf Muskeln
und auf den Stoffwechsel untersucht. Also er war eigentlich ein Wissenschaftler der Erschöpfung.
Und Haegler hat versucht, das Niveau der menschlichen Kraft zu beobachten und hat deren Entwicklung
über verlängerte Arbeitsphasen beobachtet und in Diagrammen zusammengefasst.
Und so konnte er eben aufzeigen, dass mit jedem Wochentag die menschliche Kraft sich abwärts bewegt
und durch die Sonntagsruhe wieder auf ihre ursprüngliche Höhe zurückkommen könne.
Also sofern man den Sonntag "in stiller Sammlung" verbracht hat.
Aber falls die Sonntagsruhe ausbleibt, dann ist die Kurve in seiner Beobachtung immer tiefer gesunken.
13:45
Also er hat eigentlich gezeigt, dass der menschliche Körper quasi wie eine Batterie funktioniert
und der Sonntag in diesem Prozess einen notwendigen Regenerationstag darstellt, zum Aufladen.
Und Freizeit wurde darum nicht mehr moralisch oder religiös begründet, sondern jetzt neu medizinisch und ökonomisch.
Sonntage und Nachtruhe galten als Kraftstationen und ab etwa 1870 wurden diese dann auch ausgeweitet.
Also es ist dann neu die Frage in den Raum gestellt worden:
Was, wenn der Mensch sich periodisch über eine längere Zeit erholen würde, wenn die Ruhepause verlängert würde?
14:32
Es wird also ein Wissen konsensfähig, dass Ferien nicht einfach eine Belohnung oder ein Privileg sind,
sondern ein ganz dringendes Bedürfnis der ganzen Bevölkerung. Also bei den Ferien handelt es sich
um ein politisches und wirtschaftliches Projekt, das mit wissenschaftlicher Erkenntnis fundiert wurde.
Jetzt waren Ferien zunächst vor allem für Beamte und für die städtische Elite vorgesehen, basierend auf der Idee,
dass die Luftqualität in den Büros so schlecht sei.
15:00
Naja, und Arbeiter*innen, die sich täglich unter freiem Himmel abgerackert haben
konnten von diesen Ferien zunächst kaum profitieren. Man hat nämlich in diesem Zusammenhang argumentiert -
und das klingt aus heutiger Perspektive sehr sarkastisch - sie seien ja bereits genug an der frischen Luft.
15:21
Sind ja den ganzen Tag draussen!
15:23
Genau, brauchen doch keine Erholung!
15:27
Hier ist aber ganz wichtig zu sehen: In der Praxis der Feriengewährung widerspiegelt sich
auch die zeitgenössische Argumentation bezüglich der Ermüdung und Gesundheitsschädigung durch Arbeit
wo es lange Zeit hiess, Kopfarbeit mache müde. Denken, Planen, Entscheiden - das galt als besonders anstrengend
und gesundheitsschädlich. Deshalb wurden vor allem die Angestellten in Büros als ferienbedürftig wahrgenommen.
Dann wurden Branchen mit mehrheitlich weiblichen Beschäftigten, mit hoher Fluktuation
und kurzfristigen oder saisonalen Arbeitsverhältnissen schlechter gestellt
und viele Fabrikarbeiter*innen waren Anfang des 20. Jahrhunderts gar nicht dauerhaft angestellt.
Und wer jetzt eben nur kurzfristig oder unregelmässig gearbeitet hat, hatte keine stabilen Arbeitszeiten
und ohne diese haben sich auch keine bezahlten Ferien organisieren lassen.
16:19
Und hinter diesem Argument mit der Luft schwebte eben auch die weit verbreitete Überzeugung,
dass frische Luft als wirksames Mittel gegen Erschöpfung und Krankheit funktionieren würde.
Besonders die Bergluft wurde als gesundheitsfördernd angepriesen.
Und in der Schweiz haben sich darum zahlreiche Kurorte in den Alpen etabliert. Wir haben es vorhin schon erwähnt.
Und um diese ist nach und nach eine Infrastruktur aufgebaut worden, die wir heute mit Ferienregionen verbinden:
Also Transportmittel, Einkaufsmöglichkeiten, Apotheken, Tourismusangebote und so weiter.
Gleichzeitig begann der Staat, Erholung durch Kuren institutionell anzuerkennen.
Im Jahr 1879 hat der Bund für Beamte als erste Berufsgruppe einen gesetzlichen
Ferienanspruch zwischen 12 und 18 Tagen geführt.
17:13
Es bestand aber kein Rechtsanspruch auf Ferien. 1910 hat zum Beispiel die Bundeskanzlei erklärt, dass
"der faule und widerhaarige Beamteoder Angestellte"…
17:27
Widerhaarig?
17:29
Widerhaarig.
Der würde keine Ferien verdienen.
Also Ferien wurden nach wie vor als Belohnung konzipiert, als Wohltätigkeit
oder als Bonus und waren somit schlussendlich der
Willkür der Arbeitgebenden ausgesetzt.
17:44
Und zusätzlich wäre es jetzt so falsch anzunehmen, dass sich bei diesen Ferien einfach um freie Zeit gehandelt hätte.
Also wie heute, wo man über die Zeit frei
verfügen und machen kann, was man will.
Nein, nein.
An sie waren auch allerhand Gebote und Verbote gebunden. Der Kaufmannsverein hat zum Beispiel seine
"Winke für den Feriengänger" veröffentlicht und darin war zum Beispiel beschrieben wie man
sich kleiden soll oder was man lesen soll in den Ferien. Also quasi ein Knigge für den Feriengänger.
18:20
Ja, wir haben hier ein kleines Beispiel aus dem Zentralblatt vom Schweizerischen Kaufmännischen Verein von 1906.
Und da heisst, Zitat: "Absolut zu verpönen wäre die Benutzung eines Urlaubes zum
Besuche eidgenössischer oder kantonaler Feste oder anderer mehrtägiger Feierlichkeiten, die den jungen Menschen
Tag und Nacht in Atem halten und von denen er an Leib und Gemüt und Geldbeutel geschädigt zurückkehrt."
18:49
In ähnlicher Weise haben andere Firmen versucht, die Freizeit von ihren Arbeitenden zu steuern,
indem sie ihnen zum Beispiel eine Ferienreise finanziert haben, allerdings nur unter der Bedingung, dass
Eltern und Kinder getrennt Ferien machen würden. Kann man sich heute nicht mehr so gut vorstellen.
19:06
Ja, aber gleichzeitig.... 5
Also gerade Ferien mit ganz kleinen Kindern sind zum Teil gar nicht so entspannend. Also ich sehe den Punkt.
19:17
Die Frage ist dann, ich weiss nicht, ob sie sich auch darum kümmerten, wo denn die Kindern bleiben.
19:21
Wahrscheinlich nicht.
19:22
Also das war ja natürlich eine familiäre Betreuung.
19:25
Wahrscheinlich hat dann einfach der Mann Ferien gemacht ohne Frau und Kinder, oder?
19:29
Wahrscheinlich, ja.
19:31
Also legitim erscheinen nur die Ferien, welche die Leute dann am Ende auch wieder
leistungsfähiger hätten sollen machen, oder?
Also die Idee, dass sich die Arbeiterinnenbewegung gegen die Macht des Kapitalismus durchgesetzt hat,
und sich in die Rechte auf freien Tage hart erkämpft hat, stimmt nicht ganz.
Unter anderem auch darum, weil ganz viele Arbeiter:innen während ihren bezahlten Ferien weitergearbeitet haben
um den doppelten Lohn zu beziehen, was dann auch dem Grundsatz der Arbeitgebenden widersprochen hat.
19:59
Ja, man kann eigentlich sagen, dass das Bedürfnis und der Nutzen von Erholung und Freizeit
was uns heute so natürlich erscheint, wirklich quasi zuerst hat erlernt werden.
Also man hat die Leute überzogen, dass das wirklich etwas Gutes ist.
Ja, also so ein urmenschliches Verlangen nach Ferien ist so nicht nachweisbar,
sondern Ferien sind eher als ein ganz klares Produkt der Geschichte zu verstehen.
20:22
In der Folge werden zunehmend auch Handarbeit und körperliche Belastung als Grund für Ferienanspruch
akzeptiert und das ist jetzt wirklich ein mühsamer, ein schrittweiser Prozess, der erkämpft werden musste.
Ein wichtiger Einschnitt kommt 1918 mit dem Landestreik. Da werden Forderungen laut, die weit über Löhne hinausgehen,
zum Beispiel eben gesetzlich geregelte Arbeitszeiten, der Acht-Stunden-Tag und Ferien.
Und hier wird jetzt eben Erholung politisch. Sie erscheint nicht mehr länger als freiwillige Grosszügigkeit
des Arbeitgebers oder als Privatsache, sondern als gesellschaftliches Recht und öffentliches Anliegen.
21:01
Und da dahinter stand eine neue Überzeugung, wer dauerhaft gesund und leistungsfähig soll bleiben,
braucht Zeit zur Regeneration. Und das wurde jetzt von der breiten Bevölkerung getragen.
Und so wird Erholung verstanden als Teil der Gesundheitsvorsorge, ja sogar der Volksgesundheit.
Und gleichzeitig wurde damit aber eine neue Erwartung an das Individuum gerichtet und zwar:
Wer sich erholen kann, hat dann eben die Verantwortung, gesund, leistungsfähig und arbeitsfähig zu bleiben.
21:30
In der Zwischenkriegszeit, zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, weiten sich die Ferienrechte schrittweise aus.
Zunehmend erhalten auch Arbeiter:Innen Anspruch auf Ferien, allerdings kürzer als die der bevorzugten Angestellten.
Da spielen natürlich die Gewerkschaften eine wichtige Rolle. Besonders früh erfolgreich waren die Transportangestellten.
Sie gehörten zu den ersten Berufsgruppen, die ein Arbeitsgesetz mit Ferienanspruch durchsetzen konnten.
Und eben auch da zeigt sich, wo Arbeit planbar und dauerhaft organisiert war, liessen sich auch Ferien
viel leichter institutionalisieren.
22:07
Ja, und gegen Ende der Zwischenkriegszeit war der Grundsatz von Ferien kaum mehr umstritten.
Ferien galten nun als notwendige Regeneration der Arbeitskraft und gleichzeitig als Mittel
der sozialen Kohäsion, also der sozialen Befriedigung über politische Grenzen und soziale Hintergründe hinweg.
Und was eben auffällig ist, jetzt werden Ferien nicht nur erlaubt, sondern verpflichtend.
Während der Ferien darf nicht gearbeitet werden und Verstöße dagegen können auch sanktioniert werden.
Die Ferien können eben so als Teil eines sozialen
Kompromisses verstanden werden.
Es geht um die Erholung der Produktivkräfte für gesteigerte Leistungskraft der Gesamtgesellschaft,
wobei es eben auch um Planbarkeit, Stabilität und Anerkennung gegangen ist.
22:55
In der Schweiz wird diese Regelung - man ahnt es bereits - föderal umgesetzt.
Das ist Sache der Kantone.
Es entstehen kantonale und branchenspezifische Lösungen.
Eine einheitliche nationale Regelung bleibt in der Zwischenkriegszeit vorerst aus und eine bundesweite Verankerung
von Ferienrechten kommt sehr viel später, deutlich später, als die gesellschaftliche Anerkennung der Ferien.
Darauf kommen wir dann noch zurück.
23:32
Bevor wir uns der Schweizer Nachkriegszeit widmen, möchten wir noch den deutschen Kontext beleuchten.
Denn wenn wir in unser Nachbarland schauen, lassen sich zwei sehr interessante Kapitel in der Institutionalisierung,
also in der festen Etablierung von Ferien nachzeichnen.8
Wir machen also einen kleinen Ausflug über die Schweizer Grenze hinaus,
und zwar als Erstes zur Ferienkultur während der Zeit vom Nationalsozialismus.
24:00
1933 wird nämlich "Kraft durch Freude" gegründet. Das war die populärste Organisation des NS-Regimes.
Das Werk hat sich am...
24:10
Haben wir übrigens letzte Woche mit Noemi schon mal davon gehört.
24:14
Genau, dass in dem Kontext eben auch sogenannte Eliten-Sportarten wie Segeln oder Reiten
der breiten Bevölkerung zugänglich gemacht werden sollten.
24:23
Mhm.
24:23
Also das "Kraft durch Freude"-Werk hat sich am Modell von Benito Mussolini orientiert,
seiner«Opera Nazionale Dopolavoro», kurz «Dopolavoro», also «Nach der Arbeit».
Und das autoritäre Regime hat sehr früh verstanden dass Macht eben nicht nur über Arbeit und Politik funktioniert,
sondern auch über Erholung, über Unterhaltung und Freizeit.
Und die Freizeit ist sehr intensiv genutzt worden, um eben Zustimmung und Zusammenhalt zu erzeugen.
Also es geht um Propaganda, es geht um ideologische
Erziehung, wenn man so will.
24:59
Hitler sah den Mehrgewinn darin, die Deutschen auch während ihrer Freizeit im Geist des Nationalsozialismus zu formen.
Deutsche Arbeitende sollten so neu Zugang zu vorher bürgerlichen Privilegien
im Sinn einer "klassenlosen Gesellschaft" erhalten.
Also hinter dem "Kraft durch Freude" ist vorgründig das Ziel gestanden
dass Ungleichheiten im Zugang zu Freizeitangeboten eingeebnet werden sollen.
Und so sollte eine wahre nationalsozialistische Volksgemeinschaft geschaffen werden, in der jede und jeder
Deutsche unabhängig von Schicht und Einkommen die gleichen Rechte auf Erholung und Entspannung haben sollte.
25:43
Aber eigentlich sollte die deutsche Bevölkerung vor allem ertüchtigt und auf die Zeit im Krieg vorbereitet werden.
Also auch da wieder Entspannung und Erholung zur Erhöhung der Arbeitsleistung,
gerade auch um so die notwendige Produktionssteigerung für die Aufrüstung sicherzustellen.
Also für das braucht es eben ein "gesundes, gestältes Volk".
26:06
Und darum haben eben die Nationalsozialisten ein umfangreiches und sehr kreatives,
kulturelles und touristisches Freizeitangebot auf die Beine gestellt.
Mit Theateraufführungen, Konzerten, Kunstausstellungen oder Vorträgen,
aber auch Schwimmkurse, Trachtenabenden, Singwettbewerbe, Sportveranstaltungen oder Nähabenden,
wo von über 39 Millionen Menschen besucht sind worden.
26:30
Aber das Kernprojekt dieses Werks waren Reiseprogramme.
"Kraft durch Freude" war damals der grösste Reiseveranstalter weltweit.
Zwischen 1933 und 1939 sind über 43 Millionen Reisen verkauft worden.
Also von Tagesausflug bis zu Hochseefahrten mit der eigenen Hochseeflotte nach Norwegen, nach Madeira oder Italien
also in die Länder, die dem faschistischen Deutschland gutgesinnt waren.
Es sind über 690'000 Seefahrten organisiert worden.
27:05
Krass.
Wobei diese langen Reisen für Arbeiter:innen nach wie vor kaum finanziell erschwinglich waren.
eine Reise nach Madeira kostete ungefähr 120 Reichsmark, was knapp dem Monatseinkommen eines Arbeiters entsprach.
Was allerdings bei allen sehr beliebt war, waren Tagesausflüge, die angeboten wurden,
wo man mit Bussen oder der Eisenbahn für 5 Reichsmark einen Städtetrip oder einen Wanderausflug machen könnte
27:35
Darum gilt "Kraft durch Freude" als eines die frühesten Beispiele für modernen Massentourismus.
Und lange übernahm man dabei das Bild, das die Nationalsozialisten selber verbreitet haben,
nämlich dass dieses Werk Ferien für alle, unabhängig von Herkunft und sozialem Status, ermöglicht habe.
27:56
Ja aber das muss stark relativiert werden denn die neuere Forschung zeichnet ein ganz anderes Bild.
Die propagierte klassenlose Reisegesellschaft ist weitestgehend eine Vision geblieben,
denn ob schon das Regime Freizeitangebote gefördert hat, hatte die Steigerung von privatem Wohlstand
absolut keine Priorität. Sehr deutlich zeigt sich das, dass 1938 in Deutschland nur rund 15 % der Bevölkerung
sich solche Ferienreisen leisten konnten.
28:28
Vor allem spannend im internationalen Vergleich, denn in Grossbritannien waren es schon fast 40 %.
Dort haben sich schon früher Sparvereine etabliert, die es auch Arbeiter:innenfamilien ermöglicht haben
Geld für eine Ferienwoche am Meer zurückzulegen, die sogenannten Town Holidays.
Der Zugang zu Ferien war dort deutlich breiter verankert als im nationalsozialistischen Deutschland
trotz der intensiven Propaganda.
28:53
Ja, nichtsdestotrotz, wenn man verstehen will, wie die Nationalsozialisten Ferien politisch genutzt haben,
lohnt es sich, das krasseste, ehrgeizigste und bekannteste Werk von "Kraft durch Freude" in den Blick zu nehmen.
Und zwar ist das Prora auf der Insel Rügen, oder das sogenannte KdF-Seebad Rügen.
Geplant war eine gigantische Ferienlage für die sogenannte Volksgemeinschaft.
Und jetzt sollte man sich auf diese Dimensionen und Zahlen achten.
Es sollten gebaut werden: Acht Häuserblöcke, jeder von diesen 550 Meter lang, sollten sich
über 4,5 Kilometer entlang der Ostsee erstrecken. Dort drin hat es Platz für 10'000 Zimmer, jedes einzelne mit Meerblick
29:48
Mmh!
29:50
und damit Platz für bis zu 20'000 Feriengäste gleichzeitig.
Also Wahnsinn! Wirklich massiv, gigantisch!
Und dass man das sich noch in Geld vorstellen kann, das wurde taxiert mit einem Kostenpunkt von etwa
auf etwa 237 Millionen Reichsmark. Zum Vergleich: das entspricht heute rund 850 Millionen Euro.
30:12
Im Volksmund wurde die Anlage dann auch «Koloss von Prora» genannt.
Und die hat auch internationale Anerkennung erfahren.
Der Entwurf wurde an der Weltausstellung in Paris 1937 mit dem Grand Prix ausgezeichnet.
Und es ist eines der wenigen Monumentalprojekte der Nationalsozialisten, das zumindest teilweise
realisiert wurde und das einfach auch den Grössenwahn der NS-Zeit dokumentiert.
30:39
Mhm.
Aber eben 1939 war nur der Rohbau fertig. Die Schwimmbäder, die Festhallen und die meisten Wirtschaftsgebäude fehlten.
Bei Kriegsausbruch wurden alle Projekte von "Kraft durch Freude" eingestellt. Eben auch der "Koloss von Prora".
Also kein einziger Volksgenosse hat jemals dort Ferien machen können.
Hingegen ist die Anlage kriegstrategisch genutzt worden, wie apropos auch sehr viele andere Projekte des Werks.
Also wo man eben vermeintlich zur Erholung und Mobilität beworben hat
und wo Deutsche teilweise auch sehr viel gespart und investiert haben.
Aber die im Endeffekt nicht dafür eingesetzt wurden, sondern kriegsstrategisch Bedeutung gewonnen haben.
31:22
1945 haben die Sowjets auch fast die Hälfte dieser gigantischen Anlage gesprengt.
Heute ist es die längste Jugendherberge der Welt mit 100 Zimmern und 400 Betten.
Andere Teile des Komplexes werden unter anderem zu Ferienwohnungen und einem Hotel umgebaut -
also eigentlich wiederum im Sinn des ursprünglichen Zwecks.
31:46
Das zweite deutsche Beispiel, das wir im Zusammenhang mit Ferien besonders spannend gefunden haben,
kommt aus der Zeit des Kalten Kriegs, und zwar aus der Deutschen Demokratischen Republik, der DDR.
Weil die Ostdeutschen sind statistisch gesehen wahre Reiseweltmeister gewesen.
Und das klingt jetzt erstmal nach einem Widerspruch. Also wie kann es sein, dass Menschen in einem
politisch abgeschotteten Staat so viel gereist sind?
32:13
Und der Schlüssel zur Erklärung liegt darin, was unter Reisen verstanden wurde. Es ging eben nicht um eine
internationale Mobilität, das war ja untersagt, sondern um einen ganz massiven Inlandstourismus.
Also die DDR hat zwar kein Grundrecht auf Freizügigkeit gekannt,
also man durfte sich nicht frei in der Welt bewegen weder im Beruf noch in der Freizeit, 5
aber im Land der Mauern und Grenzen gab es ein Recht auf Ferien. Das wurde bereits 1949 in der Verfassung verankert.
Und heute weiss man, dass die DDR-Bürger:innen mehr gereist sind als die Bundesdeutschen.
Und beliebte Ferienziele waren vor allem die eigenen Gebirge, die Ostsee und
teilweise auch andere sozialistische Länder.
32:58
Ja diese Ferien waren stark staatlich organisiert, stark gefördert und breit zugänglich.
Sie galten als soziales Recht und als Teil der sozialistischen Fürsorge, auch mit der Idee, 50
dass Erholung die Arbeitskraft regeneriere, die Loyalität sichere und soziale Stabilität schaffe.
Reisen war also nicht Freiheit im liberalen Sinn, sondern integrierter Bestandteil eines politischen Systems.
33:24
Denn hinter diesen modischen Sportgeräten in den extra geschaffenen Ferienheimen,
steckt für die Politiker natürlich die Überzeugung, dass eine gut erholte Bevölkerung
die Errichtung des sozialistischen Staates beschleunigen könne.
Zudem hätten durch Reiseangebote für besonders gute Leistungen auch Anreize geschaffen werden sollen
und damit die Produktivität wieder weiter gesteigert werden.
33:47
Also wir bemerken hier vielleicht ein Muster, das sich abzeichnet.
Ferien sind nicht nur zur Erholung angeboten worden oder kaum, wenn sie von oben angeboten wurden.
Wir haben das jetzt bereits im Kontext der Schweiz gesehen, aber auch im Kontext des NS-Regimes,
sondern als Versprechen, als Ablenkung, als Instrument der sozialen Befriedigung.
Und das Versprechen stand in der DDR in starkem Kontrast zum Alltag, den man endlosen Schlangen verbracht hat,
in einem Staat, der von Mangelwirtschaft und Abschottung geprägt war.
34:22
Ein mega spannendes Beispiel in diesem Zusammenhang, finde ich, sind ja die Kreuzfahrtschiffe.
Hast du gewusst, dass die DDR Kreuzfahrtschiffe hatte?
34:29
Ja, sie waren eigentlich die, die quasi Kreuzfahrten....
Und das ist ja die kapitalistische Reiseform per se.
34:36
Ja!
34:37
Aber sie hatten eine Kreuzfahrt, ja.
34:39
Und vor allem das Lustige ist ja, dass die Idee aufgekommen ist,
nach der schwersten Krise des jungen Staates 1952, als er wirklich auf der Kippe stand
und hat mir überlegt, okay, was macht man?5
Ganz viele Menschen sind auf der Strasse und haben freie Wahlen gefordert.
Und dann haben sie gefunden, wir geben ihnen doch ein Kreuzfahrtschiff.
34:59
Genau.
Aber das ist genau das, was ich so spannend finde an dem Thema der Ferien.
Es funktioniert eben wirklich als Anreiz, als Ablenkung.
eben schon, denn in diesem Kreuzfahrtschiff sollte alles verkörpert werden, wie die Zukunft aussehen sollte.
Und die ist eben prunkvoll, die ist frei. Da können alle, wenn sie nur genug arbeiten und genug treu sind
sich treu der Partei gegenüber verhalten, können Teil sein von dieser imaginierten Zukunft.
35:32
Und eben auch da wieder das Anreizsystem, diejenigen, die ihren Soll nicht nur erfüllen, sondern übertreffen
die dürfen dann eine Kreuzfahrt machen.
In Tat und Wahrheit ist das ein verschwindender kleiner Teil von der Bevölkerung,
die dann effektiv mal auf so einem Kreuzfahrtschiff unterwegs war.
Sehr viel beliebter und sehr viel breitenwirksamer war aber zum Beispiel Camping in der DDR
auf den staatlich eingerichteten Plätzen. Dort hatte man auch wesentlich mehr Selbstbestimmung.
Also es waren so ein bisschen Ferien vom Staat, könnte man sagen.
In der DDR gab es schon bald mehr als 500 Zeltplätze, manche von denen mit über 5000 Stellplätzen,
also es waren kleine Kleinstädte eigentlich. Ich meine, 5000 das muss man sich mal vorstellen.
Das klingt gar nicht so entspannend.
36:22
Allerdings hatte das Versprechen von einem Hauch Freiheit natürlich auch wieder seine Grenzen.
Also Ferienorten wurden auch überwacht und die Menschen haben sich gerade auch in
Bezug auf Ferien stark eingeschränkt gefühlt. Das wissen wir auch heute aus Berichten.
Darum hat man auf der Strasse am Vorabend zum Mauerfall auch den Slogan gehört "Visafrei bis Haiwaii".
36:46
Schön.
36:46
Und übrigens ist das Wort „Reisefreiheit“ in Deutschland 1989 zum Wort des Jahres gewählt worden.
Also das zeigt auch, wie wichtig die Sehnsucht und die Symbolkraft von Mobilität und von Freiheit waren.
37:01
Ich meine, selbst die wenigen Menschen, die dann, –
ich komme wieder auf mein Kreuzfahrtschiff zurück, weil ich es einfach so eine lustige Geschichte finde –
aber selbst die wenigen Leute, die dann ein Kreuzfahrt machen konnten,
ich meine, die Reiseziele sind extrem eingeschränkt gewesen.
37:12
Natürlich.
37:13
Also irgendwann konnte man dann zum Glück nach Kuba,
dass man doch noch eine Destination anfahren konnte, aber sonst konnte man nicht wirklich....
37:21
Ja, und nach Kuba konnten ja wieder nur die Wenigsten.
37:25
Ja, logisch.
Logisch.
Und lustig ist ja auch, dass eines der Kreuzfahrtschiffe unterwegs war in dem Moment als die Mauer fiel.
Also sie sind aufgebrochen aus der DDR und konnten dann nicht mehr zurück.
37:40
Ups! Ja, nicht so praktisch!
37:45
Ja aber sehr faszinierend in Bezug auf die DDR sind auch die staatlich organisierten Ferien für Kinder und Jugendliche
Also insbesondere die sogenannten "grossen Ferien" von Anfang Juli bis Ende August
die als Teil der sozialistischen Erziehungsarbeit verstanden wurden.
Also das kann man sich so vorstellen, dass die grösseren Betriebe, staatliche Einrichtungen, Genossenschaften
und staatliche Organisationen, die hatten für die Kinder ihrer Angestellten eigene Ferienlager.
und da gab es alles rund um die Uhr, also ganz viele Spiel-, Beschäftigungs- und Sportangebote,
Baden, Wandern, Disco, Sportwettbewerbe, Lagerfeuer – alles was das Herz begehrt.
38:27
Was jetzt eben für die Westdeutschen anstoßend wirkte, war, dass die Ferienlager auch für westdeutsche Kindern und
Jugendlichen sehr attraktiv waren.
38:38
Ups.
38:39
Zehntausende hat die DDR zwischen 1954 und 1961 eingeladen und um deren Anziehungskraft einzudämmen,
hat dann eben die Bundesrepublik mit zusätzlichen Mitteln für Ferienhilfswerke,
mit Kampagnen und polizeilichen und juristischen Massnahmen reagiert.
Eine Geschichte, wie ihr seht, kommt sehr viel zusammen, unter anderem ganz prominent
der westdeutsche Antikommunismus und die deutsch-deutsche Systemkonkurrenz.
Deshalb dachten wir, wir schauen da noch ein bisschen genauer darauf.
39:09
Also 1955 ist die zentrale Arbeitsgemeinschaft „Frohe Ferien für alle Kinder“ gegründet worden.
Sehr schöne Namensgebung, "Frohe Ferien für alle Kinder".
die Kindern und Jugendlichen kostengünstige und teilweise sogar kostenlose Unterkünfte in Ferienlager ermöglicht hat.
Und dafür hat man aus Westdeutschland in Sonderzügen nach Ostdeutschland reisen können.
An die Ostsee, in den Harz oder zum Beispiel auch in den Thüringer Wald.
Und schon im ersten Jahr waren es über 20.000, im nächsten Jahr mehr als 46.000 Kinder, die teilgenommen haben.
39:46
Ja und das war natürlich eine hochpolitische Angelegenheit im Wettstreit der Systeme.
Medien haben darüber berichtet, Sicherheitsbehörden und Justiz haben sich mit diesem Angebot befasst.
Und zwar als Reaktion darauf, dass die DDR im Bereich des Sozialen ihre selbst zugeschriebene Vorreiterrolle
probierte aufzuzeigen, was eben als Bedrohung wahrgenommen wurde.
Also die DDR hat sich quasi als das sozialere und bessere Deutschland versucht zu präsentieren
und das eben durch Ferien.
40:21
In Bonn ist die Aktion vom Staatssekretär im Gesamtdeutschen Ministerium als "wahrscheinlich wirkungsvollste Aktion
der kommunistischen Stellen in der Bundesrepublik" gedeutet worden, Kinder würden kommunistischen Erziehungseinflüssen
ausgeliefert, es handle sich um ideologische Indoktrination, die so geschickt sei, dass sogar die Kinder
selber davon nichts merken würden.
40:43
Ja, und auch in der Broschüre, die vom Ministerium herausgegeben wurde, ist die Aktion
als "Gift für Kinderseelen" benannt worden und auch in den Medien sind westdeutsche Eltern gewarnt worden
es handle sich dabei um "Bürgerkriegsschulen".
Also ganz im antikommunistischen im Stil der Zeit sind so Bilder von Infektion und ideologischer Manipulation
verbreitet worden und man hat eben die Idee verbreitet, dass es sich hier um ein streng geplantes Netzwerk
kommunistischer Unterwanderung handeln würde, das Kinder umdrehen wolle oder sie einer Gehirnwäsche unterziehe.
41:21
Also DDR hat schon viel in die für die Propaganda sehr wichtige Aktion investiert.
1957 sind zum Beispiel 1,6 Millionen Mark allein für den Transport und die Unterbringung
westdeutscher Kinder einkalkuliert worden.
41:36
Ja, und man muss auch dazu sagen, die kommunistische Beeinflussung ist am Anfang tatsächlich vorgesehen gewesen.
Also neben den Lagerfeuern....
41:44
Natürlich!
41:45
Es war nicht alles aus der Luft gegriffen, aber das ist ja das Spannende beim Antikommunismus.
Es gibt einen Ansatz, aber dann wird es einfach völlig eskaliert.
Wir kommen da noch dazu.
41:56
Es eskaliert schnell.
41:58
Also neben Lagerfeuern und Geländespielen, die sind natürlich auch begleitet worden von
morgendlichen Appellen und politischen Schulungen, welche die Kinder mit den Errungenschaften der DDR
bekannt gemacht werden sollten und es ist ihnen erklärt und vorgeführt worden, was alles möglich wäre in einem Land,
wo die Bauern und Bäuerinnen und Arbeiter:innen vermeintlich alles gestalten würden.
Wobei man weiß heute aus Zeitzeugenberichten, dass die meisten Kinder sich einfach an die tolle Zeit erinnern,
die sie dort hatten. Es ist Ihnen gar nicht aufgefallen dass man sie ideologisch beeinflussen wollte.
Und ich meine das sind ja jetzt retrospektiv reflektierte Menschen und wissen, was in diesem Systemkonflikt abspielte.
42:41
Genau darum eben so gefährlich.
Genau darum eben so gefährlich.
"Gift für die Kinderseelen".
Ja, in Reaktion darauf hat die BRD die staatlichen Mittel für Kommunen und Wohlfahrtsverbände oder für Kirchen erhöht,
um eben eigene Ferienmassnahmen für Kinder und Jugendliche zu ermöglichen.
Zwischen 1956 und 1958 ist die Zahl von westdeutschen Kindern in staatlich finanzierten Ferienaktionen in der BRD
von 40'000 auf 230'000 angestiegen. Also die BRD musste ihre sozialstaatlichen Ausgaben aufstocken,
um wieder ihre Überlegenheit zu demonstrieren und um nicht an Legitimation einzubüssen gegenüber der DDR.
43:23
Und das hat funktioniert.
Und die Aktion "Frohe Ferien für alle Kinder" hat in Zukunft einen starken Rückgang an Kindern verzeichnet.
Natürlich muss man sagen nicht nur wegen der Reaktion der BRD, sondern auch wegen der internen Spannungen
und der Exklusions- und Diskreditierungspolitik der BRD. Aber trotz des Rückgangs –
das ist eben das mit dem Antikommunismus – Sind die westdeutschen Behörden Ende der 1950er Jahre
noch verstärkter dagegen vorgegangen mit Durchsuchungen und Beschlagnahmungen von Dokumenten,
Aber auch mit Befragungen von Schulkindern zu ihren Erfahrungen in DDR-Ferienlagern.
Ja, das alles natürlich vor dem Hintergrund der verschärften deutsch-deutschen Spannungen.
44:05
1961 wurde die Ferienaktion in der BRD dann verboten. Kurz nachher wäre sie mit dem beginnenden Bau der Mauer
wäre das Projekt ja sowieso zu einem Stillstand gekommen.
Aber am Ende wird auch bei diesem Kapitel der Feriengeschichte deutlich,
es ging nicht so sehr um Lagerfeuer und Spiele, sondern um eine ganz zentrale Frage der Systemkonkurrenz,
also welcher Staat kümmert sich besser um seine Kinder und kann dann daraus auch politische Legitimität ableiten.
44:35
Ferien wurden so zu einem Instrument im Kampf um Deutungshoheit, nicht durch Methoden wie Zwang oder Gewalt,
sondern eben gerade durch für Sorge durch Erholung und durch das Versprechen auf ein besseres Leben.
45:01
Ja, schauen wir wieder auf die Schweiz. Da passiert nämlich während des Zweiten Weltkrieges etwas ganz Unerwartetes:
Ein inländischer Reiseboom setzt ein. Die Schweizer Tourismusbranche hat auf die fehlenden ausländischen Gäste
halt eben wegen dem Krieg, mit breit angelegten Kampagnen reagiert und Slogans wie
"Macht Ferien, schafft Arbeit" haben die hiesige Öffentlichkeit dekoriert.
Und das ging vor allem auf den Verkehrsminister Enrico Celio zurück, der in Ferien eine Stärkung
des Schweizer Volkes und der Wirtschaft gesehen hat, also zwei Fliegen mit einer Klappe
Und die Historikerin Beatrice Schumacher hat das später so auf den Punkt gebracht, dass die Ferienreise
"zum Dienst am Vaterland im touristischen Gewand" wurde. Also Ferien für das Vaterland.
45:51
Finde ich gut.
Und neben dem Durchhaltevermögen in der kriegsverschonten Schweiz, also dem Sammeln von psychischen
und physischen Kräften so wie der Stärkung der Volkswirtschaft, sollte noch eine dritte Fliege mit der
touristischen Mobilisierung im Landesinneren getroffen werden und zwar sollte
die nationale Identität, wenn nicht sogar der Stolz oder der Patriotismus, gestärkt werden
Im Jahr 1941 zum Beispiel als die Eidgenossenschaft ihr 650. Jubiläum gefeiert hat,
hat sich der Ferienappell mit der spezifischen Produktion von Swissness – könnte man sagen – vermischt.
Bundesrat Celio hat für Inlandreisen geworben, in dem er unterstrichen hat, dass alle in diesem Jahr
doch bitte in ein neues, bisher unbekanntes Stück Heimat reisen sollten und sich das anschauen,
sodass man sich in den harten Zeiten umso dankbarer und freudiger als Schweizer fühle.
Also so eine Art Vertrautmachung, Mit- und Bewunderung für das eigene Land,
um den patriotischen Geist in dieser Krisenzeit zu stärken.
47:01
Aber auch hier wieder spannend oder? Es ist nicht so sehr der Widerstand der Arbeitnehmenden gewesen,
welche Sommerferien im heutigen Sinn gefordert haben, um eben die schönsten Tage im Jahr geniessen zu können
sondern es war eine Ergänzung und Fortsetzung der Arbeit unter anderen Vorzeichen.
Also als Hilfestellung für die Hotellerie und zur Schaffung von neuen Arbeitsplätzen.
Denn das ist ja auch ein riesen Wirtschaftszweig, oder?
47:24
Natürlich, natürlich! Also hier waren es vor allem wirtschaftliche Hintergründe.
Ja, nichtsdestotrotz war Ferien machen und Reisen für die meisten Schweizer*innen natürlich keine Realität,
sondern es blieb ein Privileg von Wenigen, denn einen gesetzlichen Ferienanspruch gab es ja nach wie vor nicht.
Nach den Kriegsjahren wird dementsprechend das Bedürfnis nach Kompensation laut
erste kantonale Gesetzgebungen passieren, anschliessend die Volksabstimmung, angefangen übrigens mit Solothurn 1946.
47:55
Die Solothurner!
47:56
Mit dem Grundanspruch von zwei Wochen Ferien jährlich, wobei – du hast es vorhin schon erwähnt –
auch festgelegt wurde, dass die Tage eben gesetzlich bestimmt aufeinander folgen müssen.
Also eine gewisse Anzahl muss gesetzlich bestimmt....
Es kann nicht einfach ein Freitag genommen werden, sondern es muss eine aufeinanderfolgende Anzahl Tage sein.
48:14
Ja auf Bundesebene wurden Ferien 1966 gesetzlich verankert, und zwar mit dem Inkrafttreten des Arbeitergesetzes.
Allerdings nach wie vor nur 14 Tage, was deutlich weniger war als in den umgebenden Ländern zu dieser Zeit.
Oder eben zum Beispiel auch damals schon in Brasilien, wo bereits 30 Tage Ferien
für offiziell Angestellte obligatorisch waren.
48:39
Es wäre spannend, die Geschichte von Brasilien genauer anzuschauen.
48:42
Ja,
Es wäre spannend, die Geschichte von Brasilien genauer anzuschauen.
dass es dort so eine Vorreiterrolle einnimmt, also vielleicht falls jemand etwas dazu weiß,
48:51
ja,
48:51
verlinkt es in den Kommentaren.
In der Schweiz sind rechtlich ab 1983 vier Wochenferien als Minimalanspruch
festgelegt worden, für Jugendliche unter 20 fünf Wochen.
Eine gesetzliche Verankerung der fünften Ferienwoche, also
die Initiative für eine Verlängerung der bezahlten Ferien,
ist 1985 bei der Volksabstimmung gescheitert. Ebenso erging es der Initiative "Sechs Wochen Ferien für alle" 2012
49:21
Das ist ja immer etwas, das ist im Ausland extrem schwer zu erklären.
In der Volksabstimmung hat sich eine Mehrheit dafür ausgesprochen, dass wir weniger Ferien haben.
49:31
Nein wir möchten mehr arbeiten.
49:35
Das ist schon ein bisschen schwierig zu erklären.
49:36
Wie noch so einiges.
49:38
Ja, wie noch so einiges, ja das ist wahr.
Aber auf jeden Fall können sich jetzt zunehmend alle Schweizer Angestellten Ferien leisten und machen.
Und die Frage ist wie.
Weil mit dem, dass das, was vorher einer Elite vorbehalten gewesen war, aber jetzt der Masse zugänglich wird
also in dem Prozess von einem Eliten- zum
Massentourismus spielt im Schweizer Kontext
Kontext eine Institution eine ganz wichtige Rolle, nämlich Hotelplan.
50:05
Hotelplan ist als direkte Reaktion auf die vorher angesprochene internationale Konkurrenz zu verstehen,
also die erschwinglichen und populären Reiseangebote der faschistischen Regime von Italien und Deutschland.
In der Schweiz hat man dadurch Druck und Nachholbedarf gespürt.
Gleichzeitig steckte die heimische Hotellerie, wie bereits erwähnt, in einer Krise, weil ausländische Gäste ausblieben.
50:32
Ja, und darauf reagiert jetzt der Migrosgründer, Gottlieb Duttweiler, mitte der 1930er Jahre
mit seinem sogenannten Schweizer Hotelplan. Und das Entscheidende daran war, dass Duttweiler
nicht nur ein Angebot geplant hat, er hat gleich auch den Reisenden der Zukunft mit entworfen.
Weil das Publikum, das er wollte ansprechen, das hat es so noch gar nicht gegeben.
Also grosse Teile der Schweizer Bevölkerung waren schlicht reiseungewohnt.
50:59
Und wichtig war, man ahnt es vielleicht bereits: wieder einmal die Werbung, oder?
Weil die musste jetzt die Vorstellung zuerst einmal denkbar machen, begleitet von deutlich günstigeren Angeboten.
Die Idee ist für uns jetzt, wie logisch vielleicht, aber für diese Zeit war sie eben wahnsinnig radikal:
Tiefe Preise, hohe Stückzahlen.
Also niedrigere Preise sollten mehr Umsatz bringen und die Plakate haben geworben mit "Ferien für Jedermann".
Und ja, man muss sich wirklich die Radikalität dieser Idee vor Augen halten,
weil für breite Schichten der Bevölkerung waren Ferienreisen in den 1930er Jahren völlig unvorstellbar.
Also ich finde wiederum die Historikerin Beatrice Schumacher bringt das sehr schön treffend auf den Punkt:
«Das Versprechen, Ferien für jedermann klang in in den 30er Jahren ebenso verlockend wie vermessen."
51:57
Ja Ferienreisen sollten kein Luxus mehr sein, sondern ein Massenkonsumprodukt.
Und Duttwiler hat das wirklich ganz klar so gesagt, er hat geschrieben, dass Ferien machen zukünftig
Zu den Genussartikeln gehören solle, also in seinen Worten, Zitat:
«Die Ware des Hotels, das Ferien machen,
gehört nun mit Rahm und Schokolade»,
ist auch noch ein spannend, Rahm.
«mit Ananas und Grapefruit, mit Autoradio und Staubsauger zu denjenigen Genussartikeln,
deren Verbrauch außerordentlich steigerungsfähig ist."
Und dafür brauche ich jetzt eben drei Sachen:
Neue Konsumoptionen, neue Bilder vom Reisen und eine neue Selbstverständlichkeit, dass man überhaupt Ferien macht.
Und so wurden Schweizer:innen unterschiedlicher sozialer Schichten in der Nachkriegszeit
zum ersten Mal Auslandsreisen ermöglicht, wobei insbesondere Badeferien im Sehnsuchtsland Italien hoch im Kurs waren.
52:56
Zum Beispiel hat Hotelplan 1954 den "Badeferien-Express" lanciert.
Da ist man im Schlafwagen, sind Schweizer:innen komfortabel über Nacht ans Mittelmeer gereist.
Und das war die Geburtsstunde der Pauschalreise in der Schweiz, kann man sagen.
In den 1960er-Jahren wurde sie zum Motor vom Massentourismus, da sie das Reisen stark vereinfacht hat.
Also Transport, Unterkunft, Verpflegung, alles aus einer Hand.
53:27
Ja, vielleicht noch ganz kurz, die Idee der Pauschalreise war nicht neu.
Sie geht auf das britische Unternehmen Thomas Cook zurück, rings a bell!
der diese Art des Reisens schon im 19. Jahrhundert organisiert hat,
allerdings eher für eine wohlhabende exklusive Klientel.
Und Hotelplan setzt genau da an und dreht das Modell um, eben mit Reisen für alle.
53:51
1955 eröffnet Hotelplan sein erstes Feriendorf, den Riviera Beach Club in Hyères.
Eine Woche hat dann 177 Franken gekostet, inklusive Hin- und Rückreise,
Morgenverpflegung und sogar eine Luftkissenbadetasche.
54:09
Mit einer Luftkissenbadetasche.
Wer kann da wieder stehen, wenn da noch eine Luftkissenbadetasche dazu gehört?
54:15
Für das muss man es buchen.
54:16
Absolut.
Später kommen dann auch Flugreisen dazu, zum Beispiel in den Nahen Osten.
Spannend ist ja auch, dass Spanien und Portugal oder auch Griechenland werden ja so
zu ganz wichtigen Feriendestinationen von allen Ländern.
Obwohl die, also Spanien, Portugal und Griechenland damals
ja noch Diktaturen gewesen sind, bis in die 1970er Jahre.
Es gibt eine ganz spannende Untersuchung dazu von Patricia Hertel.
Also eben, die Reisezielen werden immer geografisch weiter entfernt.
Ja, natürlich auch spannende Fragen im Zusammenhang mit Fliegen und Massentourismus....
Machen wir aber mal in einem anderen Podcast.
55:06
Jetzt ist die Entwicklung natürlich auch ein bisschen kritisch beobachtet worden, dass so viele
Schweizerinnen im Ausland ihre Ferien verbringen und nicht mehr die Schweizer Berge bestaunen wollen,
und man hat versucht, die eigene Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es ja daheim auch schön sei.
Und jetzt hier haben wir ja noch ein ganz schönes Beispiel, das wir gerne mit euch teilen würden.
55:29
Ja man kann zum Beispiel auf YouTube einen Fernsehbeitrag aus der Rubrik "Rendezvous" von 1967 anschauen,
wir verlinken euch das gerne.
Dort werden die Schweizer Vorzüge vom Sommer visuell beworben.
Zum Beispiel die so heiss umkämpften Parkplätze
sind jetzt eigentlich quasi leer.
Und zwar nicht nur nicht überfüllt, sondern man könne auf ihnen sogar Picknicken oder Federball spielen.
Also wenn man jetzt das Bedürfnis hat, auf dem Parkplatz zu picknicken - jetzt wäre die Möglichkeit dazu.
Aber auch Theaterfans können jetzt einmal einen Sitzplatz erobern,
wo man mehr als nur die linke Bühnenhälfte sehe.
Und statt sich auf überfüllten Meeresstränden
gegenseitig auf die Füsse zu stehen,
können wir am heimatlichen Strand in
aller Ruhe neue Kräfte sammeln.
Also eigentlich ist das so ein bisschen patriotischer
Ferienfilm, der Ausschnitt.
Statt Italien oder Spanien zu romantisieren, wird die Schweiz selbst als sommerliches Sehnsuchtsland verkauft.
Und die Botschaft lautet gewissermassen, warum in die Ferne schweifen? Warum in den Süden fahren,
wenn man mediterrane Gefühle auch zu Hause erleben kann? Zum Beispiel auf dem Parkplatz.
56:39
Ja, und wir können natürlich solche historische Quellen nicht anschauen,
ohne dass uns ganz stark die Kategorie vom Geschlecht, also Gender, auffällt.
Und hier drängt es sich wirklich auf. Also es liegt nicht nur an uns.
Weil obschon offiziell Schweizer Landschaften beworben werden, richtet sich der Blick der Kamera
wirklich auffällig: stark auf junge Frauenkörper im Bikini. Und dann kommt noch der Kommentar dazu:
das seien eben die einheimischen Sehenswürdigkeiten, die bestaunt werden könnten.
57:12
Oh wow.
57:13
Ja, also der weibliche Körper wird sexualisiert und selber Teil von dieser touristischen Attraktion
Und das erinnert eben sehr stark an die Werbeästhetiken der Nachkriegszeit
generell, wo Ferien, Konsum, Sonne und Sexualität zunehmend miteinander verschmelzen.
57:31
Also eben, der Film ist von 1967, auch die Ambivalenz der vermeintlichen sexuellen Liberalisierung wird sehr deutlich,
denn es folgen anschließend Videoaufnahmen von Männern, die ganz genüsslich ein Glas Wein trinken.
Und der Fernsehbeitrag sagt dann: "Auch das zarte Geschlecht durfte etwas vermehrt zum Glase greifen
und traf damit bei der Gegenseite für einmal auf Verständnis."
Ist das nicht schön?
Also auch traditionelle Geschlechterbilder werden natürlich stark verstärkt, einfach in anderem Gewand.
58:04
Hm.
Ja, und der Beitrag – es lohnt sich wirklich, das mal anzuschauen.
Wir geben uns so viel Mühe, das zu beschreiben, aber man muss es wirklich gesehen haben.
Und zum Schluss ist dann so ein küssendes Paar, das gezeigt wird.
Ich glaube, sie lehnen sogar gegen ein Werbeplakat, die sich da eng umschlungen küssen, sehr leidenschaftlich.
Und dann kommt eben der Kommentar wieder: "Die südländische Hitze macht ungeahnte Leidenschaften frei."
Und dann werden natürlich noch die Beatles eingespielt mit "All You Need Is Love" im Hintergrund.
Und das würden eben all diejenigen verpassen, die gegen Süden reisen.
Und was jetzt eben hier wieder ganz spannend ist, dass so plötzlich die globale Popkultur
in die schweizerische Selbstdarstellung im Kontext von Inländertourismusbewerbung hineingebracht wird.
59:01
Man verpasst so viel. Man kann nicht Picknicken auf dem Parkplatz und ein bisschen Schmusen...
Ja, also Ruhe, Freizeit, Flirten, Alkohol, Natur, Leichtigkeit, sexuelle Freiheit und Konsum:
Und all das konzentriert sich jetzt plötzlich auf die Sommerferien.
Wir sehen da natürlich sehr viel Kontinuität bis heute.
Also die Flucht aus dem Alltag während der Ferien, die wir ja alle ein bisschen suchen,
wird dann oft zu einer Suche nach dem "Authentischen", wobei gerade die Touristifizierung eigentlich
als Antwort auf diese Nachfrage dazu beiträgt, dass das Authentische verschwindet.
59:43
Ja, wir kommen jetzt zum Abschluss und halten zusammenfassend fest:
Ferien sind politisch erkämpft worden, sie sind wirtschaftlich geplant worden, medinizinisch begründet
und eben auch ideologisch aufgeladen.
59:59
Und der rote Faden, der sich durchzieht ist eben: Ferien hätten die Menschen nicht einfach frei machen sollen,
sondern oftmals leistungsfähiger, gesünder, zufriedener oder auch politisch loyaler.
Also ob in der Schweiz, im Nationalsozialismus oder in der DDR: Erholung wird immer wieder als Mittel genutzt,
um Gesellschaften zu stabilisieren, um Zugehörigkeit zu sichern oder auch
um bestimmte Vorstellungen vom guten Leben zu vermitteln.
01:00:23
Und heute haben sich ja die Möglichkeiten für Ferien enorm pluralisiert, noch nie konnten so viele Menschen
so flexibel reisen, sei es in Form von Städtereisen, übers Wochenende, Kreuzfahrten, Backpacking, Wellness Hotels
Camping, All-Inclusive-Anlagen oder digitale Nomadenkultur.
Und gleichzeitig wächst mit dieser Freiheit auch der Druck, die Ferien möglichst perfekt zu gestalten.
Da sind natürlich auch die sozialen Medien, die ausschlaggebend sind.
Und die eben auch maximal auszunutzen. Also es ist dann auch wieder ein Stress, der verursacht wird.
01:01:02
Ja Erholung wird wieder zu einem Projekt der Selbstoptimierung, könnte man sagen.
Also man will speziell reisen, man will möglichst authentisch reisen, intensiv und zugleich entspannend.
Und ja, viele kommen fast erschöpfter zurück, als sie eigentlich weggefahren sind.
01:01:18
Unbestreitbar ist, dass viele Ferienregionen einen sehr hohen Preis zahlen für den globalen Tourismus.
Ortschaften verlieren zunehmend ihre eigene soziale und kulturelle Struktur oder Identität
Und ja, funktionieren immer stärker als touristische Kulissen.
01:01:36
Ja gerade auch Innenstädte, also die ganzen Effekte, die zum Beispiel Airbnb zeigt:
Wohnraum wird zusehends unbezahlbar in den Innenstädten, es verschwinden lokale Geschäfte.
Und ganze Regionen richten ihren ganzen Alltag nach dem Bedürfnis von Touristen oder Besuchern aus.
01:01:54
Dazu kommen natürlich die ökologischen Folgen der modernen Ferienkultur. Besonders Billigflüge und Kreuzfahrten
stehen für enorme CO2-Emissionen, Ressourcenverbrauch und Umweltbelastungen.
01:02:06
Und so geraten eben gerade viele klassische Ferienregionen durch Hitzewellen, durch Wasserknappheit
oder Massentourismus selber unter Druck.
Also der moderne Traum der grenzenlose Mobilität stösst zunehmend an ökologische Grenzen.
01:02:19
Und schliesslich basiert die globale Ferienindustrie bis heute stark auf unsichtbarer und oft prekärer Arbeit.
Also Hotels, Restaurants, Kreuzfahrtschiffe oder Ferienanlagen funktionieren oft nur dank schlecht bezahlten
Saisonarbeiterinnen und -arbeiter und migrantischen Arbeitskräften oder informeller Beschäftigung
01:02:41
Ja, also hinter der Leichtigkeit und die Entspannung von Ferien steht darum häufig mit globalen Ungleichheiten.
Also Menschen, die arbeiten, putzen, servieren oder pflegen damit andere sich erholen können, könnte man sagen.
01:02:53
Ja, und das klingt jetzt alles furchtbar negativ, wir wollen das nicht mies reden.
01:02:55
Ja, schon.
01:02:56
Sommerferien sind und bleiben etwas Wunderschönes.
Aber ja, ihre Geschichte endet eben nicht bei Freiheit und Erholung sondern sie lädt auch dazu ein
darüber nachzudenken, wessen Privileg sie sind und wer dieses Privileg auch nicht teilt und wer daran verdient
und wer oder was genau dafür arbeitet oder belastet wird.
01:03:18
Ja, also ganz egal, ob Campingplatz, ob Mittelmeerstrand oder Balkonien zu Hause oder Wandern in den Bergen:
Wir wünschen euch auf jeden Fall fantastische Sommerferien mit viel Sonne, mit viel Erholung
und vor allem auch mit Bewusstsein dafür, dass das alles nicht selbstverständlich ist.
01:03:36
Merci vielmals fürs Zuhören!
01:03:38
Wir hören uns nach den Ferien wieder.
01:03:40
Macht's gut!