Zeitreise. Der Podcast
Geschichte, die vermeintlich jenseits des Spektakulären liegt. Drei Historikerinnen reisen durchs 20. Jahrhundert und blicken insbesondere auf Unerzähltes und Stimmen, die sonst oft überhört werden. Gerade in diesen Geschichten steckt das Potenzial, unser Verständnis der Gegenwart zu verändern und neue Sichtweisen zu eröffnen.
Zeitreise. Der Podcast
dr 1. Mai: Viel Arbeit für einen freien Tag
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Der 1. Mai – «Tag der Arbeit»
In dieser Folge reisen wir zurück zu den Ursprüngen dieses Feiertags und folgen seiner Entwicklung bis heute. Wir machen Station in Chicago, Paris, in Bremen und in der Schweiz und zeigen auf, dass dieses Datum von unterschiedlichster Seite verwendet, instrumentalisiert und entsprechend den eigenen Zielsetzungen gedeutet wurde. Es ist eine Geschichte von Kämpfen und Konflikten, aber auch von Frühlingsblumen und Spaziergängen im Park.
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00:02
Zeitreise - der Podcast, der Vergangenheit
hörbar macht.
00:06
Mit Ausflügen in unbekanntere Kapitel der Geschichte
00:09
vorwärts und rückwärts durchs 20. Jahrhundert
00:12
und über Umwege vom kleinen Details
zum grossen Ganzen.
00:16
Ich bin Barbara Miller
00:17
und mein Name ist Simone Rees.
00:34
Ihr erahnt es vielleicht schon:
Wir machen heute ein bisschen
ein Spezialfolge.
Weil morgen der 1. Mai ist.
00:42
Genau.
Der Tag ist in zahlreichen europäischen
Ländern ein Feiertag.
So auch in meiner Wahlheimat Frankreich
"Fête du Travail" heißt er hier.
Es ist ein allgemeiner gesetzlicher Feiertag im ganzen Land.
Man schenkt sich zu dem Tag gegenseitig
einen Strauß Maiglöckchen.
01:02
Aber noch so hübsch?
Das ist in Schweiz leider nicht der Fall.
Es ist ein bisschen komplizierter.
Es gibt Kantonen,
bei denen der "Tag der Arbeit" gesetzlicher Feiertag ist
z.B. in Zürich und Basel.
Es gibt auch Kantone,
in denen der halbe Tag frei ist - wie in Solothurn.
Oder für die Mitarbeiter des
öffentlichen Dienstes.
so beispielsweise in Freiburg.
Im Kanton Bern hingegen betrifft
es nur die Angestellten
der Städte Bern und Biel
Alle anderen müssen arbeiten.
01:44
Ob das nicht schon genug
kompliziert wäre,
bei den Innerschweizer Kantonen
ist der 1.Mai grundsätzlich
ein normaler Arbeitstag.
Aber
manche Luzerner
und Schwyzer Gemeinden haben trotzdem
einen gesetzlichen Feiertag.
Aber nicht um den "Tag der
Arbeit" zu feiern,
sondern als Gedenktag an den
lokalen Schutzpatron
Sankt Sigismund.
Also sie haben zwar frei, aber nicht wegen dem 1. Mai.
Also schon wegen dem 1. Mai,
aber nicht wegen dem "Tag der Arbeit".
02:12
Sondern wegen dem Sankt Sigismund.
02:14
Wegen dem Sankt Sigismund genau.
02:16
Gut zu wissen.
Schweizer Föderalismus ahoi!
Echt grossartig kompliziert.
Aber nicht nur in der Schweiz,
herrscht bezüglich der Regelung
ein gewisses Durcheinander
sondern beispielsweise auch
in Deutschland.
Da ist zwar bundesweit gesetzlicher
Feiertag am 1. Mai,
aber der Tag heisst je nach Bundesland
ganz unterschiedlich.
In Hessen zum Beispiel,
"Feiertag aller arbeitenden Menschen"
In Nordrhein-Westfalen
"Tag des Bekenntnisses zur Freiheit
und Frieden, sozialer Gerechtigkeit
Völkerversöhnung und Menschenwürde".
02:58
Jetzt so als Namen finde ich es ein Mü lang.
03:05
Gar nicht mal so catchy.
03:10
In Europa haben zahlreiche Länder
den Tag als Feiertag verankert.
Von Finnland bis Griechenland,
von Portugal bis Russland.
Wie ich gelesen habe,
auch in deiner zweiten Wahlheimat Simone,
in Südafrika, ist der 1. Mai
als "Workers Day" frei.
Gibt es auch eine Tradition?
Schenkt ihr euch auch Mai-Glöckchen?
03:33
Nein, hier ist ja anfangs Winter.
Hier übrigens auch als
"May Day" bekannt.
03:43
May Day!
03:48
Genau, der 1. Mai ist tatsächlich
nationaler Feiertag.
Viele Arbeitnehmende,
hier muss man natürlich präzisieren,
die in der formellen Ökonomie
offiziell angestellt sind.
Das sind übrigens, also hier
auch ein Side-Fact,
schätzungsweise arbeitet jede fünfte Person
im Land in der informellen Ökonomie
ohne Arbeitsvertrag oder staatliche
Absicherung.
Und die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch grösser.
Aber viele, die in der formellen Ökonomie arbeiten
und die Angestellten vom öffentlichen Dienst haben tatsächlich frei.
Und dies seit den ersten demokratischen
Wahlen im Jahr 1994.
Ich finde das vielleicht
hier ganz spannend,
kurz zu erwähnen.
Darum hat nämlich den Tag hier
eine ganz spezifische
historische und kulturelle Aufladung
in Südafrika,
denn die arbeitende Klasse in diesem Land
haben natürlich besonders stark unter der Apartheid gelitten.
Darum hat sich der Einsatz für bessere
Arbeitsbedingungen
eng mit dem politischen Kampf gegen
die systematische
Rassentrennung verbunden.
Also schon vor den Wahlen von 1994
haben Gewerkschaften und
Arbeitsorganisationen
den "May Day" regelmäßig als symbolischen
Mobilisierungsmoment genutzt,
um gegen Unterdrückung und Segregation im Apartheid-System zu protestieren.
Darum dient eben der Public Holiday,
wie wir es hier nennen, einerseits
der Würdigung
der Recht der Arbeitnehmenden, wie sonst
auch auf der Welt,
aber auch als spezifischen Tag
der Erinnerung an die entscheidenden
Rolle,
die Gewerkschaften, die kommunistische
Partei
und andere Arbeitsorganisationen im
Kampf gegen die Apartheid gespielt haben.
Wir sehen also schon: Der 1. Mai ist international bekannt
und verbreitet, aber seine Bedeutung
ist überhaupt nicht
unbedingt überall die gleiche.
Also jedes Land erzählt an diesem Datum auch ein Stück von seiner eigenen Geschichte.
05:49
An andere historische Entwicklung
gebunden.
Mega spannend!
Wenn wir über die Atlantik
schauen, in den
USA wird der Tag der Arbeit,
also "Labor Day",
zwar auch gefeiert, aber nicht am 1. Mai,
sondern am ersten Montag im September.
Also dieses Jahr zum Beispiel
am 7. September.
Und das ist interessant beziehungsweise
erstaunlich,
weil eigentlich feiern wir der "Tag der
Arbeit" am 1. Mai wegen Ereignissen
in den USA.
06:17
Ja, absolut. Und hier wird jetzt schon
ein erstes Spannungsmoment,
also etwas Unerwartetes, deutlich
in dieser Geschichte.
Aus heutiger Sicht ist es schon
ein bisschen erstaunlich,
dass die Vereinigten Staaten
mal so wichtige Impulse
für die globale Arbeiter:innenbewegung
geliefert haben.
Heute ist der Schutz der Arbeitnehmenden
in den USA bekannterweise,
vergleichsweise schwach ausgeprägt
und Gewerkschaften
haben spätestens seit den 1980er-Jahren
stark an Einfluss verloren.
06:52
Aber rund 100 Jahre vorher, also in den
1880er-Jahren, hat sich eben ein
ganz anderes Bild gezeigt.
Vor allem in den industriellen Zentren
haben grosse Arbeiter:innenbewegungen
für bessere Arbeitsbedingungen
gekämpft,
so zum Beispiel in Chicago, ein wichtiges
Zentrum der beginnenden
Industrialisierung.
Und dort nimmt dann eigentlich auch die
Geschichte vom 1. Mai ihren Anfang.
07:16
Genau, schauen wir also mal
ein bisschen zurück,
und zwar in das Jahr 1886.
Damals hat die Arbeiter:innenklasse
für ihre Rechte gekämpft,
unter anderem für eine Begrenzung der Arbeitszeit
auf acht Stunden pro Tag.
Und um dieser Forderung Nachdruck
zu verleihen,
wurde jetzt eben für den 1. Mai
zum Streik aufgerufen.
07:38
Jetzt, warum das Datum, warum am 1. Mai?
Der 1. Mai war damals in der Vereinigten
Staaten der Stichtag,
an dem Arbeitsvertrag geendet haben oder
wieder neu abgeschlossen worden.
Es war auch der Stichtag
für Mietverträge,
also auch die Mietverträge für Wohnungen
endeten an diesem Tag.
Und weil eben viele Arbeiter:innen an
neuen Arbeitsstellen umgezogen sind
und dann auch die Wohnung
gewechselt haben,
war dieser Tag als "Moving Day "bekannt.
Also es hat ein neues Geschäftsjahr
angefangen am 1. Mai.
08:13
Im Kontext des sogenannten "Moving Day",
als zum Streik aufgerufen worden
war in Chicago
ist etwas sehr Spannendes,
Tragisches passiert.
Und es war ein Ereignis mit sehr weitreichenden Folgen
kann man aus heutiger Perspektive sagen.
Zehntausende Menschen kamen diesem Aufruf
nach und haben sich auf dem
Hey Market Square, einem damals sehr wichtigen
und grossen Marktplatz versammelt.
Dieser Streik führte dann schliesslich
zum Zusammenstoss mit der Polizei,
die mit Waffengewalt intervenierte und
so sechs Demonstrierende,
tödlich verletzte.
Man hat in den Folgetagen noch weiter gestreikt
und demonstriert
und anschließend hat ein bis heute Unbekannter eine Bombe in die Menge geworfen.
09:05
Man weiss bis heute nicht, wer genau für
diese Bomben verantwortlich war.
Die Staatsmacht hat aber die
Streikorganisatoren
verhaften lassen und sie sind ohne
eigentliche Beweise
für schuldig erklärt worden.
Vier der acht Verhafteten sind
hingerichtet worden
und die anderen haben lebenslange
Haftstrafen kassiert.
09:27
Vielleicht nur eine ganz kurze Anmerkung,
sie wurden sieben Jahre später begnadigt
weil der Governeur doch zum
Schluss kam, dass
alle Anklagten eigentlich
unschuldig waren.
09:42
Aber dass jetzt im Gedenken an diese Opfer
der 1. Mai zum Kampftag
der weltweiten Arbeiter:innenbewegung
wird,
ist einer Zusammenkunft in
Paris zu verdanken.
Wir haben es schon gesagt, der "Labor Day"
findet nicht am 1. Mai statt,
und zwar genau wegen dieser Geschichte.
Das war in den Vereinigten Staaten ein
bisschen zu stark sozialistisch geprägt
und darum hat man ein anderes Datum gewählt,
um den "Labor Day" zu feiern.
10:12
Aber der 1. Mai wird zu einem wichtigen Datum
wegen der Ereignisse in Chicago,
aber wegen der Zusammenkunft
in Paris, 1889.
Nämlich im Rahmen der sogenannten
"Zweiten Internationalen".
Der Namen der Organisation leitet sich von
der Internationalen Arbeiterassoziation
ab, die Karl Marx himself schon zwei Jahrzehnte
vorher angeregt hatte,
die aber schliesslich an Unstimmigkeiten
zerbrochen war.
1889 nahm man einen neuen Anlauf zur
internationalen Vernetzung
von der Arbeiter:innen initiiert.
Weil man davon ausging, dass Arbeiter:innen-Rechte nur durch
internationale Vernetzung und Druck durchgesetzt werden können auf nationalem Boden.
11:03
Das Datum wurde keineswegs
zufällig gewählt.
Wir erinnern uns, 100 Jahre vorher
1789, war der Sturm auf die Bastille.
Man wollte sich auch durchaus in diese
Traditionslinie einschreiben.
11:16
An diesem Kongress in Paris
haben rund 400
Vertreter:innen von sozialistischen
Parteien
und Gewerkschaften aus über 20
Ländern teilgenommen.
Sie haben gemeinsam eine Resolution
verabschiedet.
In dieser wurde festgehalten, dass für
einen bestimmten Zeitpunkt
eine grosse internationale Manifestation
zu organisieren sei.
Dass in möglichst vielen Städten Arbeiter:innen
zum gleichen Zeitpunkt
ihre Forderungen deutlich machen sollten,
dass der Arbeitstag
zum Beispiel auf acht Stunden beschränkt werde.
11:53
Und weil der "amerikanische Arbeiterbund"
bereits eine Kundgebung in Amerika
beschlossen hat für den 1. Mai,
weil das Datum in den USA
eine sehr symbolische Aufladung hatte,
haben die versammelten Sozialist:innen in Paris
beschlossen, sich dem anzuschliessen
und die geplante, grosse internationale Manifestation
für den 1. Mai festzulegen.
Also so kommt es quasi nach Europa.
12:21
Bei dieser Kundgebung sollte nicht nur
die Forderung nach dem 8-Stunden-Tagen
in das Zentrum stellen, sondern
auch weitere Beschlüsse
des Internationalen Kongresses von Paris
sollten öffentlich breit adressiert werden.
Dort wurde unter anderem festgelegt:
Ein Arbeitsverbot für Kinder unter 14,
ein Verbot der Nachtarbeit außer für
bestimmte Industriezweige,
die zwangsläufigen einen ununterbrochenen
Betrieb erfordern,
ununterbrochene Ruhepausen von
mindestens 36 Stunden
in der Woche für alle Arbeiter:innen sowie
ein Verbot von Industriezweigen
und Betriebswiesen, die
Gesundheitsschädlichkeit für die
Arbeiter:innen absehbar ist.
13:12
An dieser Stelle möchten wir ganz
gerne einen Punkt betonen,
dass wir konsequent von
Arbeiter:innen, von
Sozialisten und Sozialistinnen
und so weiter reden,
ist nicht nur unserem überhöhten woken Sendungsbewusstsein
geschuldet,
denn: Frauen haben in der Arbeiter:innenbewegung
und gerade auch bei diesem Kongress,
also bei dieser "Zweiten Internationalen"
als Organisation,
von Beginn an ganz eine wichtige
Rolle gespielt.
13:41
Ja, unbedingt. Hier vielleicht ein
eindrückliches Beispiel
in diesem Zusammenhang am Kongress selber
hat die deutsche Sozialistin
Clara Zetkin,
spezifisch zur Lage der Arbeiterinnen
gesprochen.
Sie hat gefordert, dass es die
Pflicht der Arbeiter sei,
die Arbeiterinnen als gleichberechtigt
in ihre Reihen aufzunehmen
und – es ist einfach tragisch aus
heutiger Perspektive,
wenn man sich das Datum vor Augen hält –
auf ihre Initiativen hin
hat der Kongress weiter beschlossen,
dass es
gleiche Löhne für gleiche
Arbeit geben soll.
1889, dass ist heute, Barbara, im Jahr
2026 flotte 137 Jahren her
und nach wie vor muss für die Forderung
gekämpft werden.
Vielleicht an dieser Stelle
nur ganz kurz,
besonders traurg in der Schweiz,
denn hier dauerte es noch ein knappes Jahrhundert,
bis dieser Grundsatz,
also gleicher Lohn für gleichwertige
Arbeit in der Bundesverfassung,
verankert wurde, nämlich im Jahr 1981.
Allerdings ist dieser verfassungsrechtliche Grundsatz noch lange nicht Realität.
Also das Büro für Gleichstellung
geht nach wie vor von
einer monatlichen Lohndifferenz von
1364 Schweizer Franken aus.
Und das ist – um es vielleicht
ganz sanft auszudrücken –
nach wie vor nicht wirklich befriedigend.
15:06
Schön, dass du es jetzt ganz
sanft ausdrückst.
Ich hätte das, glaube ich, ein
bisschen anders gesagt.
Nein, es ist verrückt, oder?
Also einfach, wenn man das so liest:
Vor fast 140 Jahren ist die Forderung
schon aufgestellt worden
und heute gehen wir immer noch für die
gleiche Forderung auf die Strasse.
Das glaubst du fast nicht, oder?
15:25
Ja, ist absurd.
Und es wird ja auch immer argumentiert,
ja, aber es wird ja besser.
Aber das ist historischer Relativismus.
Also ich meine, ich finde es auch besser,
dass es heute nicht mehr legal ist,
dass die Frauen in der Ehe vergewaltigt
werden dürfen
Trotzdem sind wir zu Recht noch empört,
wenn wir uns anschauen, wie viel Gewalt es nach wie vor an Frauen gibt
und da einfach ein systemisches
Problem vorliegt.
Also das Argument macht für mich
absolut keinen Sinn.
15:53
Nein, wirklich nicht.
Und das macht mich auch mega hässig,
jedes Jahr wieder so am internationalen
Frauentag
kommen so Schlagzeilen wie, ja, es
ist schon viel erreicht,
aber es gibt noch Luft nach oben.
Das ist so, das ist sehr,
sehr Relativismus.
Ja, es geht etwas vorwärts, aber wir
reden auch seit 140 Jahren
über die gleiche Forderung.
Also das würde ich nicht mit, "es gibt
noch Luft nach oben", betiteln.
Any way.
Clara Zetkin gilt übrigens in
diesem Zusammenhang
auch als Mitinitiatorin für
den Weltfrauentag,
also eben der internationale
Frauentag am 8. März.
Dazu machen wir vielleicht
auch mal ein Podcast.
Und Clara Zetkin wird später auch
Reichstagsabgeordnete
während der Weimarer Republik,
eine ganz spannende Frau.
Es gibt ein Podcast zu ihr von der
Rosa Luxemburg Stiftung,
falls ihr mehr wissen möchtet, könnt ihr
gerne dort mal reinhören.
16:55
Musik
17:04
Ja, wenn wir uns die Forderungen vom
Kongress von 1889 mal anschauen,
also acht Stunden Tag, Arbeitsverbot
für Kinder,
Verbot von gesundheitsschädlichen
Arbeitsbedingungen etc.,
dann tönt es ja aus heutiger Sicht alles
fast ein bisschen selbstverständlich.
Aber im ausgehenden 19. Jahrhundert
war das wahnsinnig revolutionär.
Es handelte sich hier um ganz
neue Forderungen.
17:34
Man muss sich vor Augen halten, wie die
Situation der Arbeitnehmenden
zu dieser Zeit aussah.
Also Arbeitsschichten von zehn, zwölf,
teils noch mehr Stunden am Tag,
waren normal.
Niedrigste Löhne, gefährliche und gesundheitsschädigende
Arbeitsbedingungen
und vor allem kaum Verhandlungsmacht.
Also weil eben die Organisationen, der
Zusammenschluss um gemeinsamen
Forderungen durchzusetzen
das begann ja erst.
17:59
Absolut, darum hat ja der Kongress
in Paris auch gefordert,
dass sich Arbeiter:innen überall organisieren können und dürfen
und hat darum, das "uneingeschränkte,
vollkommene
freie Vereins- und Koalitionsrecht"
verlangt.
18:13
Eben, man, muss sich das wirklich
vor Augen halten:
Arbeiter:innen konnten sich nicht einfach so
zu einem Verband zusammenschliessen,
eine Gewerkschaft gründen und so ihren Forderungen Nachdruck verleihen.
Also den Arbeitnehmenden hat ja nicht
nur die wirtschaftliche,
sondern auch die politische Gleichberechtigung
gefehlt,
wohingegen die Arbeitgebenden, also die Unternehmer
die hatten alle Staatsorgane auf ihrer Seite,
also das Recht, die Rechtsprechung, die Polizei, etc.
Also das Ungleichgewicht in
der Machtverhältnis,
das muss man sich ganz klar
vor Augen halten.
18:47
Vielleicht wird das ja auch wieder
deutlich mit dem kurzen Beispiel
von unserem Nachbarn Deutschland,
denn dort galten lange die sogenannten "Sozialistengesetze".
Also was hat das bedeutet?
Sozialdemokrat:innen oder
eben Sozialist:innen
war es verboten, Vereine
zu gründen,
sich zu versammeln oder Schriften
herauszugeben.
Deutschland war nicht das einzige
Land mit dieser Haltung,
auch in anderen Ländern waren Arbeiter:innen-Vereinigungen
vor riesige Herausforderungen
gestellt.
Wie ja auch das Beispiel der Hay Market Riots
Triads in Chicago gezeigt hat.
19:24
In der Schweiz? Ja, in der
Bundesverfassung von 1848
war zwar die Vereinsfreiheit garantiert,
also das Recht sich zu gemeinsamen Zielen
und Zwecken zusammenzuschliessen,
aber ob und inwiefern das dann
auch einen Zusammenschluss
von Arbeiter:innen
umfasstr, war immer umstritten.
Und in den zahlreichen Kantonen
gab es dann auch
die sogenannten "Koalitionsverbote".
Also Vereinigungen von Arbeitnehmenden
waren offiziell verboten bis
in die 1860er Jahre.
19:56
Mh, Mitte der 1880er Jahre
haben sich dann im Vergleich zu vorher
stabilere Organisationen und Strukturen
der Arbeiter:innenbewegung gebildet.
Es entstanden Arbeiterunionen,
der Schweizerische Gewerkschaftbund SGB,
ist gegründet worden und natürlich
auch die politische Partei,
die SP im Jahr 1888,
die zwei Jahre später den ersten Sitz
im Nationalrat erhielt.
20:24
Und im gleichen Jahr, also 1890,
ist dann auch das erste
Mal der 1. Mai,
als Kampf- und Feiertag in der Schweiz gefeiert worden
oder hat stattgefunden.
Ein Jahr nach dem Kongress in Paris
wurde er auch in der Schweiz aufgeriffen.
Und zwar während der Arbeitszeit
und darum haben die Arbeiter:innen
zum Teil
auch mit Sanktionen rechnen müssen,
wenn sie daran teilgenommen haben.
Ungefähr ab Mitte der 1890er Jahre
haben sie dann immer häufiger
einen unbezahlten Feiertag erhalten.
Also sie haben einfach keinen Lohn
erhalten für diesen Tag,
aber sie mussten nicht befürchten,
dass sie ihre Stelle verlieren,
wenn sie an der Demonstration
und am anschliessenden Fest zum
1.Mai teilnahmen.
21:07
Wobei das aber nicht darf darüber
hinwegtäuschen,
dass bis Anfang der 1920er Jahre viel
los war in der Schweiz.
Also Arbeitskonflikte waren sehr häufig.
Heute vielleicht schwer zu glauben,
aber die Schweizer:innen
waren im internationalen Vergleich
sehr streikfreudig.
Wir zählen über 3000 Streiks anfangs
vom 20. Jahrhundert.
Und der grösste und für unser nationales Erinnern
sicher bedeutsamste, war der sogenannte
"Landesstreik" vom November 1918.
21:40
Ja, also dieser grossangelegte Streik
der Arbeiter:innen,
Die waren während der Kriegsjahre
zunehmend von Armut betroffen,
wohingegen zumindest ein Teil
der Unternehmer riesige Kriegsgewinne
verzeichnen konnten.
Und auch zum Beispiel die Bauern konnten von
einer sehr guten Konjunktur
profitieren, aber die Arbeiterklasse
ist massiv verarmt während
der Kriegsjahre.
Ja, und dann kam natürlich auch
der internationale Kontext hinzu:
In Deutschland und Österreich hatte
sich schon abzeichnet,
dass die Arbeiter:innen-Bewegungen
einen massiven Aufstieg wird verzeichnen können.
22:17
Und das hat natürlich die Schweizer
Arbeiter:innen
sehr viel Hoffnung gegeben –
gleichzeitig den bürgerlichen Kreisen grosse Sorge bereitet
Und so kam es dann eben dazu,
dass Militärtruppen gegen die Streikenden
aufmarschierten
und diese dann aus Angst
vor einer gewaltvolle Niederschlagung
den Streik abgebrochen haben.
22:44
Aber man muss festhalten,
auch wenn das häufig als Niederlage
der Arbeiter:innenbewegung erzählt wurde,
zumindest eine der Forderungen,
konnten sie durchsetzen,
nämlich die Begrenzung der Arbeitszeit
auf 48 Stunden pro Woche
in Folge des Landesstreik
im November 1918.
Und eingeführt wurde die Begrenzung
der Arbeitszeit am,
ihr erratet es vielleicht schon,
am 1. Mai,
im Jahr 1919.
23:11
Wobei der Landesstreik oder
vielleicht auch
die nachfolgenden Entwicklungen,
die durch ihn angestoßen wurden
auch in langfristiger Perspektive
das Verhältnis zwischen Arbeiter:innen
und Arbeitgebenden
wirklich verändert hat.
Also die Gewerkschaftsvertreter
wurden vermehrt in Entscheidungsfindungen
einbezogen und im Zweiten Weltkrieg
hat man sich sehr darum bemüht,
diese Fehler vom Ersten Weltkrieg
nicht zu wiederholen
und hat die Arbeiter:innenschaft
in die Kriegswirtschaft integriert
um soziale Unruhen
nicht zu befeuern
und den Zusammenhalt über soziale Klassen
hinweg zu stärken.
23:53
Genau, und
ja, die Arbeiter:innenklasse wird
auch immer mehr zu einer
politischen Kraft.
Die SP
verzeichnet einen grossen Aufstieg.
1928 ist sie zum ersten Mal
die stärkste Partei in der Schweiz.
Aber auch hier,
das darf nicht darüber hinwegtäuschen,
dass andere Forderungen vom Landesstreik
zum Beispiel
nach einer Alters- und
Invalidenversicherung
die liessen noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg
auf sich warten.
Und auch hier
ist der Hinweis wieder erlaubt:
Eine weitere Forderung,
nämlich die Einführung
des Frauenstimmrechts
vom Landesstreik 1918
hat bekanntlich ja noch sehr
viel länger gedauert
und ist dann erst 1971 gekommen.
24:37
Musik
24:42
Der Streik in Chicago
und später der Schweizer Landesstreik
aber beispielsweise auch
ein lokaler Streik in Basel
im Jahr 1919,
der gewalttätig niedergeschlagen wurde
und fünf Todesopfer gefordert hat,
das alles
zeigt ja schon deutlich,
wie Arbeitskonflikte
intensiv geführt wurden.
Und ja,
dass die Teilnahme an Streiks keine ungefährliche Angelegenheit war.
25:12
Ja, absolut.
Das gilt auch für andere Länder.
Wir haben es bereits angesprochen,
gerade auch für Deutschland.
Dort ist zum Beispiel den Arbeiter:innen
bereits 1890 mit
Aussperrungen,
mit Entlassungen und schwarzen Listen
gedroht worden, wenn sie sich am 1. Mai
beteiligten.
Und tatsächlich sind am 2. Mai
1890 beispielsweise in Hamburg
rund 4000 Mauer ausgesperrt
worden.
Die haben die Fabrik nicht
mehr betreten dürfen.
Und ja,
die Teilnahme an 1. Mai-Kundgebungen
ist teilweise auch in den
Arbeitsbüchern vermerkt worden,
dass die betroffenen Arbeiter:innen
nachher keine neuen Stellen
gefunden haben.
25:53
Jetzt könnte man ja eigentlich
vor dem Hintergrund davon ausgehen,
dass die Repressionen
zur Abnahme
von 1.Mai-Kundgebungen geführt hätten.
Allerdings ist das Gegenteil der Fall.
Vielmehr
haben die Repressionen kreative
Umsetzungen stimuliert.
Die Kulturhistorikerin Inge Marssolek
hat das am Beispiel
von der Stadt Bremen untersucht,
wobei sie auch davon ausgeht,
dass das, was dort aufzeigen konnte,
an anderen Orten ähnlich aussah.
Und zwar
beschreibt Inge Marssolek
unter anderem ein sehr schönes
Beispiel
des alternativen Streikens,
nämlich dass in Bremen
die Tischlergesellen
anhand von einem
flotten Spaziergang im Park
demonstriert haben.
26:46
Ich muss sagen, ich finde die Geschichte
recht cool.
26:48
Ich auch.
26:50
Vor allem ist das nicht ein Sprichwort
auf Englisch,
a walk in the park
für etwas, das sehr easy ist,
sehr einfach ist? Es war nicht so einfach,
kein Spaziergang im Park,
im sprichwörtlichen Sinn.
Also, erstens einmal war es
ein Streik, eine Niederlegung
der Arbeit von diesen Tischlergesellen
am 1. Mai.
Dann zweitens waren Festumzüge
natürlich verboten, also haben sich die
Arbeiter an verschiedenen
Treffpunkten in der Stadt
getroffen und sind dann von dort aus
in den Park spaziert.
Und sie haben das sehr gesittet und regelkonform gemacht
Sie sind also schön
auf dem Gehsteig geblieben.
Weil wenn sie auf der Strasse
marschiert wären,
hätten sie ja auch der
Polizei einen Anlass gegeben
einzugreifen, wegen Verkehrsbehinderung
oder was auch immer. Aber
weil sie schön
auf dem Trottoir gelaufen sind,
haben die nichts
können sagen.
Und die Tischlergesellen haben
dann auch keine Fahnen
oder Transparente mitgetragen, sondern einfach
rote Bänder am Hut oder rote Blumen
im Knopfloch.
Und dann erst im Park haben
sie angefangen
Arbeiterlieder zu singen
und sich eigentlich zu versammeln.
27:53
Wobei hier natürlich wichtig ist anzumerken,
dass sie ganz bewusst
mit einem Tabubruch gespielt haben.
Also
auch durch diese
sehr sanfte Demonstrationsform
ist natürlich eine Provokation
ausgelöst worden.
Und das hat es auch sein sollen.
Und zwar darum,
weil die Arbeiter:innen damit
einen Raum betreten und eingenommen haben,
der sonst eigentlich dem Bürgertum vorbehalten war.
Also der Park
als Ort der Erholung, des
müssigen Spaziergangs,
ist ja eigentlich nicht
für die Arbeiter:innen
angedacht gewesen,
die sollten nicht spazieren, sondern hart arbeiten.
28:37
Ja, also der Spaziergang
im Grünen, im Park, das war keine
Beschäftigung von der Arbeiter:innen-Klasse.
Wann sollten die denn Zeit gehabt haben
um in den Park zu gehen um lustzuwandeln?
Und damit ist der Spaziergang
am 1. Mai, das ist
eine performative Handlung gewesen.
Also eine Handlung, die die soziale
Wirklichkeit verändert hat.
Es war ein Anspruch von einem Teil
der Gesellschaft, in einer
Öffentlichkeit sichtbar zu werden,
von der sie bisher ausgeschlossen gewesen war.
29:05
Absolut, und neben diesem
Einnehmen eines Raumes,
also dieses Überschreiten
von räumlichen Trennungen,
hat diese Streikform
natürlich auch gleichzeitig
dem Zusammenschluss, dem Selbstbewusstsein
der Arbeiter:innen-Bewegung dienen sollen.
Nach dem Spaziergang
im Park, hat es nämlich meistens
ein geselliges Zusammensein gegeben.
Also sei es für die ganze Familie,
aber auch im Theater,
mit Tanz und Kindervergnügen.
Und darum kann man sagen,
dass diese Protestform
einerseits gegen Außen gerichtet
war, also
mit dem Ziel quasi
eine Gegenöffentlichkeit zum
Bürgertum herzustellen,
aber auch gegen Innen
auf das Erleben der Bewegung selbst,
von der Arbeiter:innen-Klasse
und ihrer Partei
und ihren Organisationen quasi
als grosse Familie.
30:04
Ich finde das einfach einen sehr
spannenden, ja wie so ein
Widerspruch, also wenn man
an Klassenkämpfe denkt,
so im beginnenden
oder um 1900,
da kommen einem so Strassenschlacht-
Szenen in den Sinn, die es ja absolut
gegeben hat, das ist ja nicht
der Punkt, aber
es hat auch ganz, ganz feine
Feierlichkeiten gegeben, rund um den
1. Mai.
Also Spaziergang im Park
und Kindervergnügen und nachher
zum Tanz – das ist jetzt nicht
auf die Barrikaden oder?
Und ganz wichtig
für die Herausbildung
dieser Festkultur rund um den 1. Mai,
und zwar nicht nur in Deutschland,
sondern auch in der Schweiz,
war, dass sie sich mit
bestehenden Frühlingsfestkulturen
vermischt hat. Also die Feste haben
dann auch sehr gerne, also die
anschliessenden Feste mit Tanz
und mit dem Kindervergnügen, haben dann auch
oft im Wald stattgefunden, also in der
Natur.
Bereits
lang vor dem 1. Mai als Kampf- und
Feiertag der Arbeiter:innenbewegung
wurde im Mai der Frühlingsbeginn gefeiert
also der Neuanfang,
der Aufbruch, das neue Leben
nach dem erstarrten Winter.
So die Feierlichkeiten, die hat es
schon viel früher gegeben.
31:14
Also so Neubeginn und Neuanfang
als eigentlich Teil
dieser ganzen, ja
von dieser Protest- , Streik- und Erinnerungskultur an
die Arbeiter:innenbewegung
und ihre Forderungen, die
gestellt worden sind.
Hier vielleicht ganz
spannend mit einem Blick auf
die andere Seite, also auf die Südhalbkugel,
Denn ja,
wir gehen langsam in den Winter, aber
im Kontext von Südafrika
folgt der 1. Mai auf den
"Freedom Day" am 27. April,
wo an die ersten demokratischen Wahlen
1994 erinnert wird.
Und so gönnen sich
einige Südafrikaner in dieser Zeit
auch gleich so
eine mehrtägige Auszeit
vor dem Winter.
Also hier,
der Neubeginn ist auch darin angelegt
einfach nicht saisonal, im Sinne
der Natur, die neu anfängt,
sondern politisch, kulturell
eingeschrieben, quasi.
So, jetzt
eben wieder auf Europa geschaut,
dort hat
die Arbeiter:innenbewegung mit ihrer
Hoffnung auf ein Erstarken
von ihrer Organisation aber auch
mit ihrer utopischen Vorstellung
von einer neuen Gesellschaft, die
Metaphern vom Neubeginn, vom neuen Leben, aufgenommen
und sie in ihre 1. Mai-Feiern integriert.
Also Elemente
von einer Vollskultur,
die bis ins Mittelalter zurückreichen,
und eben an den Frühling erinnern
mit Elementen der Arbeiter:innenkultur
verschmolzen worden,
die eine neue gesellschaftliche Ordnung feiern wollten.
Wir erinnern uns
an die Maiglökchen, die du vielleicht
morgen hoffentlich auch geschenkt
bekommst, Barbara.
32:58
Ja auf die Mai-Glöckchen kommen wir dann noch zurück!
Aber wahrscheinlich lässt sich
genau aus dieser Verschmelzung
die Attraktivität der 1. Mai-Feiern erklären.
Also die Symbole,
die Rituale
waren bereits bekannt
und wurden nun mit anderen Deutungen und Vorstellungen verknüpft.
Also zum Beispiel Maya, die Göttin des Frühlings,
die wird häufig
als elfenhafte Frau mit wehendem Haar
dargestellt und die hat in vielen
Abbildungen in
Arbeiter:innenzeitungen
eine phrygische Mütze, also das zentrale
Symbol der Bewegung aufgesetzt erhalten.
Also man hat das einfach genutzt
und dann auch erweitert oder umgedeutet
und so verwenden können.
33:41
Ja, in der Tat hat sich
eine spezifische Feiertagskultur
immer mehr ausgebildet,
gerade auch mit Blick nach Deutschland
zum Beispiel, von der Weimarer Republik.
Auch wenn der Tag nicht
zum nationalen Feiertag als solcher
ernannt wurde, beziehungsweise
nur einmal nämlich 1919.
Dann wird der Feiertagsstatus wieder aufgehoben, bis 1933
als ihn
die Nationalsozialisten
offiziell einführen.
Ein spannendes Moment in der Geschichte
des 1. Mai,
das wir vielleicht noch kurz beleuchten sollten.
34:17
Ja, weil das
klingt im ersten Moment sehr komisch.
Also wieso sollten die Nationalsozialisten
den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag
erklären, denn der stammt eigentlich
von ihren politischen Gegnern, also
von der organisierten Arbeiter:innenschaft.
34:30
Absolut, aber hier steckte natürlich Kalkül dahinter.
Also 1933
haben die Nationalsozialisten,
den "Tag der nationalen Arbeit"
als propagandistisches Grossereignis
mit einer gigantischen
Kundgebung in Berlin und
zahlreichen anderen Festen in ganz
Deutschland
gefeiert und die Ironie der Geschichte:
Nur einen Tag später, also
am 2. Mai
sind die Gewerkschaften endgültig entmachtet und zerschlagen worden.
35:00
Wenn es nicht so tragisch wäre, wäre
es ein bisschen lustig.
Und dann ab 1934 ist der
"Feiertag des deutschen Volkes"
am 1. Mai begangen worden.
Also es ist den Nazis
gelungen, den Tag umzudeuten
und für die Verbreitung
ihrer völkischen Ideologie zu nutzen.
Ich habe irgendwo gelesen,
ab 1934 ist nicht mehr
demonstriert worden, sondern marschiert.
Also
Nationalsozialisten haben ganz
bewusst probiert
die gesellschaftliche und symbolische
Kraft hinter dem 1. Mai
umzulenken,
um eben die Zustimmung zu ihrem Regime
und zu ihrer Ideologie zu vergrößern.
Und auch hier spielt die Frühlingsmetaphorik
eine ganz zentrale Rolle.
Also die Verbindung zur Volkskultur.
Also zum Beispiel die Tradition
der Mai-Bäume
in gewissen Regionen von Deutschland
ist genutzt worden,
indem sie einfach mit Hakenkreuz
geschmückt hat.
35:56
Jesses,
oh wow.
Aber
natürlich spannend hier wieder, oder?
Und das konnten sie natürlich gut,
Symbole umdeuten und für sich in Beschlag nehmen.
Und eben umzumünzen,
um in pompösen
Maifeierlichkeiten, so ein Wir-Gefühl
zu stärken
und so hat eben der ursprüngliche
Kampftag der Arbeiter:innenbewegung
in sein Gegenteil verkehrt werden können.
Weil die Nationalsozialisten haben
Arbeit als Dienst
an der Volksgemeinschaft verstanden
und dazu haben Angestellte,
Unternehmer:innen und Arbeiter:innen
gehört.
Also eigentlich
alle, also sofern sie
eben nicht aus rassistischen Gründen
aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen wurden.
Und damit haben die Nazis natürlich auch Konflikte
zwischen Arbeitnehmenden
und Arbeitgebenden
gar nicht erst aufkommen lassen.
36:52
Und die
deutschen Nationalsozialisten waren
auch nicht die Einzigen.
Im Vichy-Regime
von Frankreich hat man etwas
ganz Ähnliches gemacht.
Weil Arbeiter:innen haben nämlich bei früheren
Demonstrationen gerne eine rote
Heckenrose am Anzug getragen,
als politisches Symbol.
Und 1941
hat das Vichy-Regime
den 1. Mai zum "Fête du Travail" erklärt
– so heißt er übrigens immer noch –
Und hat die rote
Arbeiterblumen durch das weiße Mai-Glöckchen ersetzt.
Und die Blumen hat schon
seit Jahrhunderten
als Glücksbringer gegolten und
wurde im Frühling gerne verschenkt.
Also auch da wiederum
die Instrumentalisierung vom 1. Mai
und eben auch die
Verschmelzung mit bestehenden Bräuchen
und - ich habe es eingangs erwähnt -
das Maiglöckchen wird ja bis heute
in Frankreich am 1. Mai verschenkt.
37:41
Musik
37:54
Was passiert
mit dem 1. Mai nach dem Zweiten Weltkrieg?
In Deutschland
ist die weitere Entwicklung
natürlich durch die Teilung geprägt.
In der Schweiz
kam es zu einem Wiederaufschwung nach den Kriegsjahren.
Man kann aber sagen, der 1. Mai wird ein bisschen gemässigter.
Also er wird mehr
zu einem Feiertag als zu einem Kampftag
zu einem Kampftag
mehr um einen Festanlass,
an dem dann auch volkstümliche Elemente
integriert worden sind,
wie z.B. Trachtengruppen und so weiter.
38:27
Und vielleicht muss man hier
erwähnen, dass das natürlich stark
mit der wirtschaftlichen Situation
in der Schweiz zusammenhing.
Also
Hochkonjunktur,
das sogenannte "Wirtschaftswunder"
hat natürlich ab den 1950er-Jahren
die Situation der Arbeite:rinnerschaft
massiv verbessert.
Und es hat sich weitgehend ein Arbeitsfrieden durchgesetzt.
Also Konflikte wurden
eher auf dem Verhandlungsweg,
quasi friedlich beigelegt wurde.
Vor allem durch Gesamtarbeitsverträge.
39:00
Genau darum
ist ja heute die Schweiz
nicht unbedingt als das Land mit
der größten Streik-Aktivität bekannt.
Was aber auch erwähnt werden muss,
der soziale Aufstieg
der Arbeiter:innerschaft
basierte nicht zuletzt auf Kosten von migrantischen Arbeitskräften,
also von den sogenannten "Saisoniers".
Und die sind von den bestehenden Arbeitsorganisationen, also von den Gewerkschaften
und so weiter, lange Zeit kaum vertreten worden
39:30
Spannend ist ja hier sicher auch,
dass die vermehrte Politisierung
in den ausgehenden 1960er-
und 1970er-Jahren
durch neue soziale Bewegungen
nicht eigentlich
an 1. Mai als Demonstrations-
oder Kampftag gebunden waren,
sondern
anderswo stattgefunden haben.
Also der erste Mai wird eigentlich erst in den späten 1980er Jahren wieder verstärkt politisch.
und zwar von Seite der linksextremen Autonomen
40:01
Nichts zuletzt wegen einer
Auseinandersetzung
zwischen der autonomen Szene
in Berlin-Kreuzberg
und der Polizei 1987,
wo es zu sehr heftigen, ja fast straßenschlachtähnlichen Szenen kam.
Und seitdem gibt es eben
das jährliche Ritual mit
einer Demonstration von den Autonomen
mit Sachbeschädigungen und eben
häufig auch mit gewaltsamen
Auseinandersetzungen
mit der Polizei.
Also neben der politischen Artikulation
dient der 1. Mai
zur Festigung einer Gruppenidentität
von der gewaltbereiten Linken
und wahrscheinlich
auch ein bisschen der ritualisierte
Normbruch, weil, also es nehmen
auch immer wieder Leute an
diesen Ausschreitungen teil
die den Rest des Jahres nichts mit der
Szene zu tun haben.
Freude am Randalieren so quasi.
40:53
Ja, ab den 2000er Jahren hat ja
in Berlin die Anwohner:innerschaft
quasi als
die Deeskalationsstrategie
ein internationales
ein internationales
Straßenfest organisiert
und auch in der Schweiz wird die
Zusammensetzung der 1. Mai-Feier
seit dem Zeitpunkt
diverser und heterogener,
wobei sie aber immer noch stark
von den Gewerkschaften geprägt ist.
41:21
Ja, die Geschichte vom 1. Mai,
aber eben auch von seiner
Instrumentalisierungen von allen
Seiten kann man sagen, zieht sich
bis in die jüngste Vergangenheit.
Ein sehr absurdes Beispiel,
muss man sagen, aus Frankreich,
der rechtsextreme
Front National hat seit
1988 der 1. Mai
zum Jeanne d'Arc-Tag erklärt.
Also, Jeanne d'Arc
ist ja so eine ganz wichtige Figur
bei den Rechtsextremen in Frankreich
und so konnten sie eben auch
demonstrieren an diesem Tag.
Und 1995 kam es am Rand
von dieser Demonstration
zur Ermordung
vom Brahim Bouarram
durch Rechtsextreme.
42:05
Ja, es ist eine vielfältige
eine wechselhafte Geschichte
um den 1. Mai
und für viele von uns
hat der Tag ja heute kaum mehr
Bedeutung über
die Frage hinaus, ob man jetzt
über den Hauptbahnhof
den ÖV benutzen möchte am 1. Mai
wenn es zu Krawallen kommt
oder ob man eben frei hat oder nicht.
Aber ich finde, wenn man
auf seine sehr spannende
Geschichte schaut
dann gewinnt man
eine andere Wertschätzung
für den Tag.
42:37
Gerade auch wenn man sich
vor Augen haltet
dass eben ganz viele Sachen
aus der Arbeitswelt
die für uns hier, heute selbstverständlich
sind
es nicht immer waren,
sondern dass die hart erkämpft wurden
Und also wenn man an
ein Kinderarbeitsverbot denkt,
dass das eben nicht immer
eine Selbstverständlichkeit war.
Und die Frage nach fairen
Arbeitsbedingungen,
die hört eben nie wirklich auf,
denn spätestens wenn man jetzt
den Blick global
ausweiten wird klar, dass es
noch ein weiter Weg ist
und dass es wohl noch viel Kämpfe
brauchen wird.
43:09
Aber auch die Frage nach dem Wert
für Arbeit, was eigentlich
als Arbeit darf gelten
beschäftigt uns ja immer wieder.
Wird zum Glück auch intensiver gestellt.
Also
das riesige Feld von unbezahlter Arbeit,
das unser Wirtschaftssystem
am Laufen hält und auch die Frage
welche Branche
wie darf entlohnt werden
also welche finanzielle Wertigkeit
im Endeffekt, welcher Arbeit
zugeschrieben wird.
43:39
Absolut
und vielleicht in diesem Zusammenhang
auch eine kleine Erinnerung
dass auch Podcasts eben mit viel Arbeit
verbunden sind?
43:49
Okay. das war jetzt eher flach als elegant, Barbara!
aber true that
43:55
Das ist extrem flach gekommen!
Nichtsdestotrotz
möchten wir an dieser Stelle
daran erinnern
dass ein Podcast nicht von selber
entsteht, Themen müssen recherchiert
Texten geschrieben, Gespräche geführt, Aufnahmen
geschnitten werden
44:10
Ja und
all das ist Arbeit, auch wenn die Arbeit wichtig ist
und wir einen riesigen Mehrwert darin sehen
und die Arbeit wirklich
furchtbar gerne machen
ja, ist es
euch vielleicht den einen oder anderen
Franken wert.
Wir freuen uns ab jeglicher Unterstützung
und wenn ihr uns
möchtet helfen, dann könnt ihr das
sehr gerne über die Plattform
Steady machen
den Link findet ihr in der Shownotes
wir sagen schon jetzt
ein großes Merci!
44:43
So, Werbeblock vorbei!
Es ist uns massiv unangenehm
wie ihr vielleicht gemerkt habt.
Werbeblock vorbei
44:49
Ja
Oh man!
44:50
Ja und damit endet
und damit endet auch unsere Reise
in die Geschichte vom 1. Mai
und wir hören heute mit einem Zitat auf,
das sowohl auf den Kampf
von den Arbeiter:innen um die Jahrhundertwende
wie auf das Podcasten
im 21. Jahrhundert
und eigentlich auch sonst auf fast alle Lebenslagen passt
und zwar stammt das Zitat
stimmigerweise
von Clara Zetkin
aus dem Jahr 1917
45:20,583 --> 01:45:22,500
Lassen wir uns nicht schrecken
durch die Ungunst äußerer Umstände,
haben wir für Schwierigkeiten
nur eine Antwort: Erst recht!"