Zeitreise. Der Podcast

ds Velo: Ungebremste Emanzipation

context lab

Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.

0:00 | 40:59

Das Velo brachte mehr in Bewegung als nur Menschen.

Von Anfang an war es ein politisch und kulturell aufgeladenes Objekt: Symbol für Fortschritt, Mobilität und Beschleunigung – und ein Auslöser dafür, wie über Körper, Geschlecht, Klasse und öffentliche Räume neu nachgedacht wurde.

In dieser ersten Folge erzählen wir die Entwicklungsgeschichte des Velos – und zeigen, warum gerade an ihm Fragen von Freiheit, Frauenrollen und gesellschaftlichem Wandel verhandelt wurden.

Wenn euch «Zeitreise» gefällt – abonniert den Kanal. Für Fragen und Feedback könnt ihr uns gerne eine E-Mail schicken an info@context-lab.ch.

Wer unsere Arbeit unterstützen möchte, findet uns auch auf Steady – wir freuen uns über jeden Beitrag, der uns hilft, weiterhin unabhängig durch die Zeit zu reisen!

00:02
«Zeitreise», der Podcast, der die
Vergangenheit hörbar macht.

00:06
Mit Ausflügen in
unbekanntere Kapitel der Geschichte.
Vorwärts und rückwärts
durch das 20. Jahrhundert.

00:13
Und über Umwege vom kleinen Detail zum grossen Ganzen.
Ich bin Barbara Miller.

00:17
Und mein Name ist Simone Rees. 

00:24
Über 60% der Schweizer Haushalte besitzen mindestens eins.
Und jährlich gehen mehr als 300'000 Stück 
in der Schweiz über den Ladentisch.
Viele nutzen es täglich, können nicht darauf verzichten,
beruflich oder in der Freizeit.
Für andere ist es ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität 
oder sie vertreten es politisch.
Albert Einstein meinte sogar, 
dass ihm die Relativitätstheorie 
auf diesem Ding eingefallen sei.

00:48
So schön.
Ich freue mich riesig!
Wir sprechen in dieser und in der nächsten Folge 
über das Velo
und schauen uns an, 
wie es unsere Gesellschaft 
wirklich für immer fundamental verändert hat.
Es ist eines der wichtigsten Symbole 
für Freiheit und Mobilität.
Und immer wieder auch
Schauplatz von Konflikten.
Ob Klassenunterschiede,
Geschlechterrollen oder wenn es um die
bis heute umstrittene Frage geht,
wem gehört eigentlich die Strasse?
In der Geschichte des Velo zeigt sich
immer wieder auch, 
wer darf in Bewegung kommen,
und wer nicht?

01:31
Es ist eine lange Geschichte.
Es ist eine spannende Geschichte, die
sich um das Velo herum aufspannt.
Und ja, wir haben bei der Erarbeitung
gemerkt, es ist zu
viel für einen Podcast.
Wir müssen da zwei Teile daraus machen.
Heute im Zentrum steht die Frage der
technischen Evolution und 
das Velo im Kontext der sogenannten Frauenfrage.

01:54
Zum Verstehen, wie revolutionär die
Erfindung war, 
müssen wir uns das
Verkehrsbild im 18. Jahrhundert
vor Augen halten:
Also das waren hauptsächlich Fussgänger
und Fussgängerinnen, Pferde und Kutschen.

02:08
Absolut. Und dann erscheint es ja wie
eigentlich auch
nachvollziehbar, dass man die Idee hat,
so mit zwei Rädern und dementsprechend
ohne "horsepower" sich fortzubewegen,
das wäre noch so attraktiv.
Und die erste
tatsächliche Vorläuferin vom Velo,

02:27
Im wahrsten Sinne des Wortes.

02:30
die bis heute bekannt ist, ist die
sogenannte Draisine,
benannt nach Karl Drais,
der sie um 1817 hat erfunden.

02:41
Und man muss sich das so vorstellen,
Drais war so ein bisschen ein kleiner
Daniel Düsentrieb gewesen,
der ganz viele unterschiedliche Sachen
hat versucht zu erfinden.
Und darum kommt er auf die sehr
nachvollziehbare und clevere Idee,
eine pferdelose Kutsche zu erfinden.

02:57
Es gibt hier übrigens die Theorie, dass
Drais auch durch die
klimatische Katastrophe
vom Jahr ohne Sommer
1816 motiviert ist worden.
Also, als ja der Vulkanausbruch auf
Tambora in Indonesien
zur Verdunkelung der
Nordhalbkugel geführt hat
und damit hat eine kleine Eiszeit
ausgelöst, mit
Minustemperaturen in den Sommermonaten.
Und damals sind natürlich auch viele Pferde
gestorben oder mussten 
wenn mangelndem Futter oder erhöhter
Futterpreise geschlachtet werden.
Das ist allerdings nur eine Hypothese.
Das ist nicht in den Quellen, die wir vom
Drais haben vorhanden.
Dünkt mich aber noch nachvollziehbar, dass
man sich dann überlegt,
ein neues Fortbewegungsmittel, dass
man nicht auf das Pferd angewiesen ist,
das wäre noch praktisch.

03:50
Not macht erfinderisch.

03:52
Absolut genau.

03:55
Was wir aber wissen, ist, dass er
inspiriert wurde vom
"Schlöffle", also Eislaufen.

04:01
Danke für die Übersetzung!

04:02
Wie sagst du?

04:04
Schlittschuhlaufen.

04:06
Okay.
Vom "Schlöffle",
Schlittschuhlaufen, Eislaufen.
Er hat nämlich
ein Holzgestell entwickelt,
das zwei Kutschenräder
miteinander verbunden hat.
Und es hat eine Sitzmöglichkeit gegeben,
sowie ein lenkbares Vorderrad,
welches das Gleichgewicht
ohne Bodenkontakt ermöglicht hat.
Aber es hat noch kein Pedale gehabt,
sondern die Fortbewegung ist durch das
Abstoßen von den Füssen am Boden erfolgt.

04:33
Barbara, ich bin mir sicher, das erinnert
dich an etwas, das Gestell.

04:3
Ja, natürlich an das Laufrad, das die
kleinen Kinder jetzt haben.

04:41
Genau.
Also noch ein kleiner Side-Facts übrigens: Das
Balance Bicycle, erfunden 1985, 
1990 angefangen zu verbreiten, 
und hat zusehends das Lernen mit Stützrädern abgelöst.

04:56
Brillante Erfindung.
Alle Kinder können schon Velo fahren,
bevor sie das erste Mal auf einem
richtigen Velo gesessen sind.

05:02
Super Sache.

05:02
Super Sache.

05:04
Jetzt ist das natürlich im
vormotorisierten Zeitalter,
hat die Laufmaschine eine grosse
Nachfrage erlebt am Anfang.
Man hat sie auch unter
Wohlhabenden in Paris,
in London und in New York gesehen.
Man muss aber sagen,
das waren meistens
Kopien von Laufmaschinen,
die Drais erfunden hat,
weil der mit seinen Lizenzen nicht
wirklich Erfolg hatte.
Allerdings ist der Trend ja
dann nur von kurzer Dauer.

05:33
Aus gutem Grund, muss man sagen.
Es gab dann relativ schnell Fahrverbote,
weil das Balancieren auf den damals noch
sehr unebenen Strassen schwierig war.
Bergauf war es recht anstrengend und
bergab sehr gefährlich,
das Ding hatte nämlich keine Bremsen.
Es hat die Schuhsohlen abgenutzt
und wirklich elegant war diese Art der
Fortbewegung eben auch nicht.

05:55
Der nächste Schritt in der Entwicklung
war dann eigentlich das Velocipède
1866 wurde es zum ersten Mal vorgestellt
an der Weltausstellung in Paris.
Das zeigt ja auch den Stellenwert,
den man dem zugemessen hat.
Was neu war,
an dem war,
dass es ein erstes Velo war mit Pedalantrieb,
allerdings am Vorderrad.
Also man hat am Vorderrad pedalt.
Wie wichtig die Erfindung war,
von Pierre Michaux,
zeigt sich ja schon daran,
dass im französischen
Sprachraum und auch in der Schweiz
immer noch das "Velo" als Abkürzung von
Velocipède gebräuchlich ist.

06:35
Also das war ein ganz wichtiger Schritt.
War auch nachher für
die Entwicklung des Automobils
eine Inspiration.

06:43
Was ich sehr, sehr lustig gefunden habe,
ist, dass man das Ding
offenbar auch "Boneshaker" genannt hat.
Wegen den gesundheitsschädlichen Effekten
von diesen hölzernen Rädern auf die Knochen,
weil luftgefüllte Gummireifen waren ja noch nicht erfunden.
Ich finde nur schon der Begriff "Boneshaker"
tut einem ein bisschen weh.
Man kann sich richtig vorstellen,
wie man da durch die Strassen geholpert ist.

07:05
Aber
nichtsdestotrotz, auf der ganzen Welt
haben Erfinder um eine Optimierung
von diesem "Boneshaker" konkurriert.
Patentämter sind
förmlich überflutet worden
mit Neuanmeldungen.
In den 1870er Jahren kam das Hochrad,
das sogenannte "Ordinary".
Dort sitzt der Fahrer auf
einem riesigen Vorderrad
und ein kleines Hinterrad
stabilisiert das Gleichgewicht.
Das ist ja ein sehr bekanntes Bild.
Ich glaube, das poppt relativ schnell auf,
wenn man an Vorläufer des heutigen Velos denkt.
Schon die schiere Dimension dieses Hochrads
hat eine gewisse Faszination ausgeübt.
Und es war auch deutlich leichter,
erschwinglicher und flinker als der
sogenannte "Boneshaker".
Darum hat das "Ordinary" in kurzer Zeit
in den USA und in Westeuropa Karriere gemacht,
auch in der Schweiz,
als Spiel- und Sportgerät unter Adligen und
aufsteigenden Bürgerlichen.
Also eigentlich unter denen Leute,
die Zeit und Geld hatten für ein Hobby.

08:08
Aber auch das konnte
sich ja nicht durchsetzen,
wie wir wissen.
Überrascht auch nicht so fest,
wenn man sich das Ding mal anschaut.
Das war nämlich super gefährlich.
Vor allem wegen der Höhe.
Man muss sich vorstellen,
das Vorderrad hat eine Höhe von 1,2 Meter.
Also da haben Stürze
zum Programm dazugehört.
Und die taten weh
und haben auch durch ganz unterschiedliche Faktoren
ausgelöst werden können.
Sei es starker Wind,
seien es Löcher in der Strasse.
Wir erinnern uns,
die waren damals noch nicht asphaltiert.
Von denen hat es viele gegeben.
Oder unerwartete Hindernisse,
wie zum Beispiel ein anderer Hochradfahrer,
die vor einem auf der Strasse gestürzt ist.

08:54
Also eine gefährliche Angelegenheit,
die gute Sache.
Und für Frauen natürlich noch gefährlicher
und noch unpraktischer wegen der Kleidung.
Daher wurde dann das Hochrad
 vornehmlich von der jungen, männlichen Oberschicht genutzt.
Also wieder so ein Objekt,
das zur Bildung eines Gentlemen's Club
eigentlich geführt hat.

09:16
Die wohlhabenden Frauen der damaligen Zeit
sind dann teilweise auf das Dreirad ausgewichen,
das dann auch in den 1870er-Jahren
an Popularität gewonnen hat.
Und dort ist man quasi
zwischen den Hinterrädern gesessen.
Und das hat gerade jetzt für Frauen die Möglichkeit geboten,
dass man eben das sittenlose Beinspreizen
vom Velo vermeiden konnte.
Was dann als konformer
mit dem viktorianischen Kleidungsstil
und ein bisschen mehr ladylike galt
Also Queen Victoria hat sich offenbar
auch ab und zu auf einem "Tricycle" fortbewegt.
Und der Zar von Russland
und der Sultan von Sanzibar hatten auch so ein Dreirad.
Die haben das offenbar als ein bisschen herrschaftlicher
empfunden als das Velo an sich.

09:59
Das Problem mit dem Dreirad war,
viel zu teuer.
Also es hat irgendwie 300 bis 500 Franken gekostet,
was irgendwie der Jahresmiete für eine Dreizimmerwohnung entsprochen hat. 
Es war viel zu schwer,
rund 50 Kilo schwer
und auch zu träge.
Also bergauf musste man von einer zweiten Person angeschoben werden,
was dann dem Prinzip vom Velo
auch wieder ein bisschen zuwiderläuft.
Also es hat sich nicht durchgesetzt.

10:25
Ja, wir müssen uns dort
halt schon nochmal vor Augen halten,
was denn genau die Faszination
des Velofahrens ist,
eben auch vom Hochrad,
das sich zunehmend durchsetzt.
Weil das war natürlich
so ein Symbol
für die individuelle,
technische Emanzipation, oder?
Also Bewegung rein durch die eigene Körperkraft
war eine absolute Sensation.
Es war ein Ausdruck von Selbstoptimierung und -beherrschung
also ganz zentrale bürgerliche Werte
im ausgehenden 19. Jahrhundert, auch in der Schweiz.
Und spannend hier der Gegensatz
wenn man sich das überlegt,
zum Eisenbahnfahren.
Die andere Mobilitätsform damals
bei der Menschen ja quasi
zu Trägheit und Inaktivität zwingt.
Also man steigt in den Zug ein und nachher sitzt man dort
und viel mehr kann man das nicht machen, bis man von A nach B kommt.
Und das Velo hingegen stand quasi
für eine Verschmelzung von Mensch und Maschine. 
Also eine einzigartige Technikerfahrung
im ausgehenden 19. Jahrhundert,
die eine ganz besondere
Auseinandersetzung mit Körper erfordert hat
und dann eben auch
an ganz klassenspezifische
Tugenden gebunden wurde.

11:45
Und so wird es eben
zu einem bürgerlichen
Statussymbol in der Moderne
und deutlich mit Elitismus verbunden.
Aber in diesen sozialen Kreisen
bricht ein regelrechter Hype aus.
Es gibt Velofahrschulen,
es werden Velozeitungen gegründet,
es gibt Velorennen natürlich,
dass man sich messen konnte,
Velomode 6
- für den Man - 
wird entwickelt,
es gibt Veloromane und vor allem Veloclubs.

12:15
Ein Veloroman,
das würde ich gerne mal lesen.

12:20
Ja, das wäre sicher eine spannende Lektüre.

12:23
Also das Velo wird so
zum wirtschaftlichen
und sozialen Distinktionsobjekt,
ähnlich wie das Auto später.
Es ist teuer,
technisch raffiniert
und ein deutlicher Verweis
auch in der Öffentlichkeit
auf die soziale Schicht.

12:39
Und während dem Ganzen
stand die Weiterentwicklung vom Velo nicht still. 
1885 geschieht dann ein ganz wichtiger Schritt.
John Kemp Starley 
bringt den Nachfolger vom Hochrad auf den Markt,
nämlich das sogenannte "Safety".
Mit diesem Namen wollte er auch schon
sehr viel aussagen,
in Abgrenzung zu Vorläufermodellen.
Und das Neue dabei war, 
dass es niedrig genug war,
dass man die Füsse abstellen konnte.
Das hat dann ein paar Jahre gebraucht,
bis es sich durchgesetzt hat,
weil eben
die Hochradfahrer die Nähe zum Boden
auch ein bisschen
als unwürdig empfunden haben.
Also man hat natürlich eine andere Position,
wenn man auf dem Hochrad sitzt,
als auf dem neuen "Safety".

13:19
Ebenfalls neu war der Kettenantrieb
und dass die Pedale mit dem Hinterrad verbunden waren, 
und dass man jetzt eben
so einen diamantförmigen Rahmen eingesetzt hat,
wie man ihn ja bis heute kennt.
Also das war es dann eigentlich, 
was die Welt revolutioniert hat.

13:34
Ja, und wie es sie revolutioniert hat!
insbesondere in Kombination
mit einer ganz wichtigen anderen Erfindung.
Wir haben es vorhin schon kurz angesprochen:
Drei Jahre später,
als John Dunlop,
der Name ist bis heute vielen ein Begriff als Marke,
war übrigens ein schottischer Tierarzt, 
erschien mir noch interessant, 
der hat das Dreirad von seinem Sohn
für mehr Komfort mit luftgefüllten 
stossdämpfenden Gummireifen ausgestattet. 
und hat dafür schnell ein Patent angemeldet
und dann mit den Reifen
öffentliche Vorführungen gemacht.
Auch dort gab es zuerst Stimmen, 
die sich ein bisschen lustig gemacht haben. 
Aber man hat dann auch
vor allem bei Rennrädern festgestellt, 
dass man ein Drittel mehr 
Geschwindigkeit erzeugen kann,
wenn man mit diesen Gummireifen fährt. 
Und so sind sie dann
relativ rasch
als elementare Betandteile
der Velos anerkannt worden. 

14:27
Wir danken Herrn Dunlop.
Wenn ich an den "Boneshaker" zurückdenke...
Gute Sache.

14:33
Um 1900 wird das Velo 
durch Industrialisierung und Serienproduktion
auch für andere soziale Schichten erschwinglich
und wird zu einem Massentransportmittel.
Anfangs des Ersten Weltkrieges
hatte jeder Zwölfte in der Schweiz ein Velo.
Anfangs des Zweiten Weltkrieges
war es bereits jeder Dritte.
In den 1920er Jahren hatte die Schweiz 
im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz, 
hinter den Niederlanden, Schweden,
Dänemark und Belgien. 
Das sind ja heute noch Länder, 
die man sehr schnell mit 
Velofahren in Verbindung bringt. 

15:07
Ja,
die extreme Verbreitung 
hat natürlich den Takt 
in der Stadt verändert. 
Es ist jetzt eine neue Gangart, 
eine neue Geschwindigkeit eingetreten. 
Also diese Revolution war dramatisch. 
Das hat die Welt so massiv erweitert. 
Es hat Mobilität für Menschen ermöglicht, 
auch auf dem Land, 
abseits von Lokomotiven und ohne Pferde.
Also mit dem Velo konnte man durchschnittlich
doppelt so viel Distanz hinter sich bringen.
Und wie sehr
es die Gesellschaft verändert hat
zeigt sich unter anderem auch darin, 
dass britische Soziologen dem Velo 
einen Rückgang von genetischen Defekten zuschreiben, 
weil nämlich die Inzucht zurückgegangen sei. 
Also quasi mit der erweiterten Mobilität
konnte man auch seinen Fortpflanzungskreis erweitern
und damit den Genpool bereichern. 

16:01
Wahnsinn.

Also auch hier eine ganz andere Dimension, 
wenn Gesundheit, Mobilität und Velofahren
zusammen gedacht werden.
Aber man muss eben bedenken, 
für so viele Menschen, 
vor der Erfindung des Velos, 
wurde der Radius um ihr Haus, 
das häufig auch Arbeitsort war, 
abgesteckt dadurch, 
was in einem Tag zu Fuss erreichbar war. 
Und meistens auch wieder retour, 
wenn man nicht irgendwo übernachtete, 
Und dann plötzlich kommt das Velo
Und das hat nicht nur völlig neue Optionen
auf dem Heirats- und Dating-Market eröffnet, 
sondern hat insbesondere natürlich auch
die Arbeitswelt nach 1920 fundamental verändert. 
Dadurch konnten plötzlich 
der Wohn- und Arbeitsplatz stärker getrennt werden, 
Arbeitswege wurden erleichtert. 
Man denke zum Beispiel an die Postangestellten, 
was das für eine revolutionäre Veränderung war. 
Und Menschen in ländlichen Gebieten, 
haben Zugang
zu städtischen Arbeitsplätzen, 
Behörden und Märkten erhalten.

17:09
Dass das Velo als Werkzeug 
sozialer Mobilität genutzt wurde, 
ist natürlich von bürgerlichen Beobachtern 
eher ambivalent bewertet worden. 
Einerseits wurden die wirtschaftlichen Vorteil 
einer Mobilisierung von unten begrüsst worden. 
Andererseits hat man das Velo
auch als Vehikel für Unruhe und Kontrollverlust gesehen.
Konservative Kreisen sahen im Velo
auch eine Gefahr für Sitten und Traditionen 
und die bisherige gesellschaftliche Ordnung. 
Unter anderem hat man dann behauptet, 
das Velofahren berge die Gefahr 
eines "Fahrradgesichts".
Also die angespannte Mimik
während dem Velofahren
und der hohe Luftwiderstand, 
könnten das Gesicht irreversibel deformieren. 
Eine Gefahr,
die vor allem natürlich Frauen betreffe. 

18:08
Wer kennt es nicht?
Man war lange auf dem Velo 
und dann hat es alles nach hinten gezogen. 

18:13
Barbara,
ich muss sagen,
so retrospektiv betrachtet, 
finde ich solche Aussagen so absurd, 
aber auch schon wieder kreativ. 
Um sich gegen einen Wandel zu wehren. 
Also die Idee
hat doch auch etwas für sich. 

18:29
Es gab noch weitere pseudowissenschaftliche Theorien. 
Unter anderem von deutschen Ärzten wurde behauptet, 
das Velofahren könne
Nervosität
oder sogenannte "Radfahrer-Neurosen" auslösen. 
Und dann spielt natürlich auch hier
die Sexualisierung eine ganz wichtige Rolle. 
die uns im späteren Teil 
zu den Frauen noch intensiver beschäftigen wird. 
Aber auch bei Männern 
wurde zum Beispiel von renommierten Ärzten angenommen, 
dass der Druck auf die Geschlechtsorgane
durch einen Sattel besonders gefährlich sein könne. 
Das könne nämlich zu 
geschlechtlichen Erregungserscheinungen führen, 
und diese wiederum würde eine Gefahr stellen
für die Potenz darstellen 
und damit natürlich auch eine Gefahr für die Nation. 

19:19
Wir kommen auch in diesem Kontext 
später noch einmal auf den Sattel zurück. 
Der hat nämlich eine faszinierende
Deutungs- und Entwicklungsgeschichte. 

19:29
Gleichzeitig gab es ganz viele Theorien, 
die dem diametral entgegengesetzt waren: 
Ideen und Studien, 
das Velofahren stärke die Willenskraft, 
das Selbstvertrauen und die Disziplin,
Selbstbeherrschung,
es forme den Charakter
es könne die Leistungsfähigkeit des Nervensystems verbessern. 
Diese hat es durchaus auch gegeben. 
Das Velofahren als Charakterbildung
und als Erziehungsmittel
für das männliche Individuum, 
gerade in den Unsicherheiten 
einer sich rasch verändernden modernen Gesellschaft. 

20:03
Ja genau, 
aber diese Betonung von Mannhaftigkeit
und Männlichkeit,
die ja offenbar durch das Velofahren trainiert werden kann, 
nun wissen wir es,
muss auch wieder gelesen werden 
als Reaktion auf die Diffamierung
aus bürgerlichen Kreisen
die das Velo als 
vermeintliches Kinderspielzeug dargestellt haben. 
Auch hier wieder eine klare
enge und super spannende Verschränkung
der Bereiche soziale Klasse, Geschlecht und Mobilität. 

20:35
Musik

20:45
Das Velo bewegt Menschen 
nicht nur räumlich von A nach B, 
sondern es hat auch 
die Emanzipation der Frau mobilisiert
wie kaum eine zweite technische Innovation. 
Ja diesem Aspekt möchten wir natürlich auch gerne 
ein bisschen Raum geben und näher darauf eingehen. 
Man muss sich vorstellen,
die Frau auf dem Velo,
das war ein
multidimensionaler Tabubruch. 
Frauen bewegen sich im öffentlichen Raum selbstbestimmt, 
also ohne Begleitung von Männern, 
Sie tragen praktische, 
und damit als unsittlich eingestufte Kleidung
und sie nehmen ein - bis anhin - 
männlich konnotiertes technisches Gerät in Besitz. 

21:22
Das alles ist viel zu sportlich, 
viel zu frei
viel zu körperlich, 
viel zu unweiblich75
und viel zu sichtbar, 
als dass das nicht Gegenwind hervorgerufen hätte. 

21:35
Ja, völlig!
Und hier natürlich auch wichtig zu sehen, 
dass die Entdeckung des Velos für die Frau, 
auch ganz zeitgleich stattfand, 
wie die weibliche Emanzipationsgeschichte. 
Also,
dass diese Debatten auch sehr
an die sogenannte "Frauenfrage"  Ende des 19. Jahrhunderts
gekoppelt wurde. 
Für das Patriarchat eine Zumutung
ist das Velo zum Symbol geworden, 
für die "neue Frau" oder "the new woman", 
die sich gegen das 
spätviktorianische Patriarchat gewehrt hat
und vor allem Zugang zu 
Bildung, Karriere und weitere 
- bis anhin für Männer reservierte - 
Aktivitäten gefordert hat. 
Also,
eine Bewegung,1
die dann anfangs des 20. Jahrhundert 
im Kampf für das Wahlrecht
gemündet hat.

22:25
Jetzt muss man sich vor Augen halten: 
das Modediktat
für die Frau damals, 
war eigentlich darauf ausgerichtet, 
die Frau soweit wie möglich
bewegungsunfähig zu machen. 
Also, möglichst viele
Schichten Röcke übereinander, 
noch ein Korsett, 
all das zwängt ein und man kann 
sich eigentlich kaum bewegen darin. 
Entblösste Waden
oder sogar schon Knöchel 
wären undenkbar gewesen. 
Also,
wenn man,
eben nicht Mann, sondern wenn frau
Velo fahren wollte, 
dann musste sie entweder die Kleiderordnung 
der Zeit missachten, 
oder diese ans Velofahren anpassen. 

23:02
Genau,
auch das können wir dann vertiefter anschauen, 
aber es wird ja besondets deutlich, 
wie wichtig die Modegeschichte 
für die Velogeschichte war, 91
wenn wir in die USA blicken. 
Denn dort haben sich nämlich die Frauen, 
schneller aufs Velo geschwungen, 
als in Europa. 5
Und das hat unter anderen 
sicher daran gelegen, 
dass es dort schon ein verbreitetes Kleidungsstück gab, 
nämlich die sogenannten "Bloomers"

23:27
Auch hier hatte ich 
einen kleinen Aha-Moment. 
Ich habe nämlich solche Bloomers bereits genäht. 
Aber nicht für mich, 
sondern für Neugeborene. 
Aber sie haben das genau gleiche Prinzip. 
Das sind so Pluderhosen, 
die sehr weit geschnitten sind, 
darum auch für Neugeborene praktisch, 
weil man sie über die Windeln ziehen kann.
Und dann, 
und das ist eben praktisch für das sittliche Velofahren
sind sie an den Knöcheln 
mit einem Band oder Gummiabschluss zusammengebunden. 

24:00
Denn Gott bewahre, dass man einen Knöchel sieht. 
Es kommt dann zu einem richtigen Veloboom
unter Frauen in den USA, 
England und Frankreich. 
Wegen diesem Veloboom, 
hat sich natürlich auch ein lukrativer Absatzmarkt 
für Velokleidung für die Frau eröffnet. 
So wurde fleissig weitergetüfelt. 
Diesen Boom sieht man nicht zuletzt auch darin, 
dass 1869 in New York
die erste Velofahrschule
für Frauen eröffnet wurde. 
Und die Amerikanerin Annie Londonderry
ist zwischen 1894 und 1895 als erste Frau
mit dem Velo um die Welt gefahren. 
Man muss dazu sagen, 
sie ist von Boston nach New York geradelt, 
dann mit dem Schiff nach Le Havre
und von dort nach Marseille mit dem Velo. 
Nachher wird es etwas unklar, 
wie es weitergegangen ist - 
sicher sind Stationen wie Singapur und Saigon. 
Am Schluss ist sie wieder in San Fransisco gelandet. 
Ich will damit die Leistung von Annie Londonderry
keinesfalls in Abrede stellen. 
Aber gerade in der heutigen Zeit, 
in der so gigantisch lange Velotouren
wie wir fahren einmal den afrikanischen Kontinent hinunter 
in Mode sind, 
sie musste auch oft auf andere Verkehrsmittel zurückgreifen. 
Aber trotzdem eine riesige Leistung!

25:17
Absolut.
Gut hast du das noch klargestellt, aber wir sprechen über 
1894 und eine Frau in dieser Zeit. 
Krass.
Einerseits hat man an Velos weitergetüftelt, 
die sich für Frauen und ihre Kleidung eignen. 
Andererseits hat man an der Frauenmode weitergetüftelt,
die sich für das Velofahren eignet. 
In Europa hat sich das britische Design durchgesetzt
der sogenannten vernünftigen Kleidung oder "rational dress"
in den 1870er Jahren. 
Und im deutschen Sprachraum das sogenannte 
"geteilte Beinkleid-Rock"
oder das Kombinationskostüm. 
Also das muss man sich so vorstellen: 
eine Pluderhose und darüber ein zugeknöpfter Rock
den man beim Velofahren aufknöpfen konnte, 
und sobald man vom Drahtesel steigt, 
sofort wieder zuknöpfen kann, 
damit man wieder einen Rock hat. 
Solche Kleidungsstücke haben sehr viel Hohn geerntet, 
unter anderem in Karrikaturen, 
weil man hier natürlich den 
ästhetischen Beweis dafür gesehen hat, 
dass die Frau nun tatsächlich zu einem Mann werde, 
wenn sie auf dem Velo sitze, 

26:35
Deshalb wird später noch beliebter, 
allerdings erst nach der Erfindung des Damenrads
die sogenannten "Rockkostüme", 
bei denen der Rock ein wenig oberhalb
des Knöchels geendet hat. 

26:50
Nur ganz kurz als Einschub: 
Man kann sich ja schon fragen, 
warum das Velofahren als 
als so viel anrüchiger galt für Frauen, 
als wenn sie auf einem Pferd sassen, 
was ja seit Jahrhunderten von Frauen gemacht worden war. 
Und natürlich hängt das 
mit dem Damensattel zusammen, 
bei dem man beide Füsse bzw. Beine
auf der gleichen Seite hat.
Und dieser Damensattel oder Damensitz wurde von Frauen
bis nach dem Ersten Weltkrieg erwartet. 
Es darf einfach nichts zwischen die Beine einer Frau.
Schlussendlich. 

27:22
Nichtsdestotrotz kommt 1889
das Damenrad, 
also das Velo mit der gebogenen Oberrohrstange, 
das wir ja heute noch kennen. 
Und zwar ist das auf beiden Seiten
des Atlantiks entstanden: 
John Kemp Starley,
dem wir ja bereits begegnet sind, 
hat das "Psycho Ladies Safety"
erfunden und eine andere Firma hat ihr Modell
"The Witch" genannt. 

Simone, möchtest du etwas 
zu diesen Namensgebungen sagen, oder?

27:49
Oh, zu diesen Namensgebungen 
hätte ich so einiges zu sagen!
Als erstes finde ich es vor allem irritierend. 
Also so Marketing strategisch, 
habe ich mich doch gefragt, 
was denn die Motivation sein könnte, 
solche Benennungen zu verwenden. 
"Psycho" ist ja eine ganz klare Anspielung
auf zeitgenössische Diskurse und Vorstellungen
die man hatte, 
über die vermeintliche weibliche Hysterie
oder die psychische Labilität der Frau
und "The Witch" spielt mit historischen Ängsten
vor weiblicher Hexerei
vor Macht, vor Wildheit
vor Unkontrolliertheit
und dass man sich gerade dafür entschieden hat,
Diskussionsbedarf

28:32
Die Frage ist ja auch, 
an wen die Werbung gerichtet war. 
also wer hat schlussendlich das Velo gekauft
oder?
Das waren natürlich immer noch die 
Ehemännerund die Väter je nach dem

28:44
Absolut,
also ich habe in dieselbe Richtung gedacht
ich könnte mir vorstellen, dass diese Namensgebungen 
so ein bisschen die patriarchalen Ängste bespielen
und versuchen diese neue gesellschaftliche Irritation 
von der Frau auf dem Velo
in bekannte kulturelle Raster einzufügen 
und dadurch können sie ironisiert werden 
und spöttisch gemacht werden und 
dementsprechend werden sie ein bisschen harmloser.
Also ist es dann nicht mehr ganz so gefährlich, 
seiner Tochter "The Witch" zu kaufen

29:20
Würde ich genau so interpretieren. 
The Witch
so grossartig

29:26
Trotz der Namensgebung
haben die Damenräder einen riesigen Erfolg, 
vor allem in Nordamerika und Grossbritannien, 
wo sie bald schon rund einen Drittel 
von allen hergestellten Velos ausmachen
Also ein riesiger Unterschied, 
ein markanter Wandel, 
wenn man es vergleicht mit dem Hochrad. 
Frauen aus der Oberschicht 
implementieren das Velo in ihren Alltag
und in die Festlichkeiten
Besonders beliebt werden dann auch die Tandems
die sind natürlich besonders praktisch, 
weil dort hat die Frau nach wie vor
gesellschaftskonformer Art
mit männlicher Begleitung Velo fahren können 
und nicht allein im öffentlichen Raum, 
was so ein Skandal war, 
und sie wurden dann sehr schnell 
beliebt im modernen Promenieren

30:16
Ja wenn man sich all das vor Augen hält, 
ist es wenig überraschend,
dass die Frau auf dem Velo natürlich aggressiven Widerstand 
des Patriarchat hervorgerufen hat
Die Suffragette und Schriftstellerin Helena Swanwick berichtete, 
wie sie effektiv körperlich angegangen worden ist, 
Sie wurde von Busfahrern mit der Peitsche geschlagen, 
sie wurde am Rock vom Velo gerissen.
Auch andere Velopionierinnen schrieben davon, 
dass man sie als Flittchen beschimpft habe, 
oder eben dass sie körperliche Gewalt erlitten haben, 
zum Beispiel mit Steinen beworfen wurden. 
Man muss sich vor Augen halten, 
Frauen bewegen sich auf dem Velo in der Öffentlichkeit
zu einer Zeit, 
in der schon das Verlassen des Hauses0
ohne männliche Begleitung zu einer Strafanzeige
wegen Prostitution führen konnte. 
Frauen haben vor dem Gesetz, per Gesetz 
bis zur Hochzeit ihren Vätern gehört
und nachher ihren Männern. 
Und speziell Frauen aus der Oberschicht
haben als fragil, als kostbar gegolten, 
sie sollten sich vor allem schonen
und möglichst wenig körperlich betätigen
und sonst ganz sicher nicht an der frischen Luft. 
Und dann körperliche Aktivität 
auf offener Strasse, 
das widerspricht einfach allem
von dem vergeschlechtlichten Kodex, 
was als damenhaft und schicklich galt. 


31:40
Also kaum ein Beispiel zeigt so deutlich, 
wie gross der Störfaktor, 
und gleichzeitig wie stark der Symbolcharakter
der Frau auf dem Velo war, 
wie das von Cambridge im Jahr 1897. 
Hier ganz kurz als Kontext: 
Cambridge hat - 
im Gegensatz zu anderen Universitäten zu dieser Zeit - 
hatte zwar seine Türen für Frauen bereits geöffnet,
also sie konnten studieren, 
es war ihnen aber nicht erlaubt, 
einen Abschluss zu machen. 
Und genau das wurde von der Universitätsleitung
neu verhandelt, 
ganz zum Entsetzen der Mehrheit
Die haben sich während der Verhandlung
die sich
vor der Uni zum Protest versammelt, 
und man muss sich vorstellen, 
die Stimmung war sehr aufgeladen, 
wahrscheinlich sehr aggressiv, 
und spannend ist nun, 
was sie als Protestobjekt gewählt haben. 

32:34
Und zwar haben sie oberhalb des Platzes, 
auf dem sie protestiert haben, 
eine weibliche Puppe auf einem Velo aufgehängt. 
Und die Puppe hatte nur eine Bluse und Unterhose getragen. 
Als nun der Antrag vom Universitätssenat abgelehnt wurde, 
haben die Studenten diese Puppe heruntergerissen, 
ihr den Kopf abgeschlagen
und die Überreste vor das Frauencollege geworfen. 
Ich finde das ist ein eindrückliches Beispiel, 
wie stark das Bild 
der Frau auf dem Velo die Menschen bewegt
und berührt hat 
und wie sehr es ein Politikum war
und wie sie zu einer umkämpften Symbolfigur wird,
die als Bedrohung wahrgenommen wird 
für die Privilegien und die Räume, 
die bis jetzt nur Männer zugänglich gewesen waren. 

33:26
Unglaublich. 
Und das Patriarchat läuft tief: 
1896 hat zum Beispiel Charlotte Smith
von der "Women's Rescue League"
eine Petition im amerikanischen Kongress eingereicht, 
Die Velo fahren für Frauen verbieten sollte. 
Weil, bei diesen Frauen handle es sich 
um Vorschübe des Teufels, 
um Teufelsbraten im wahrsten Sinne des Wortes, 
welche die religiöse und moralische Ordnung gefährden würden
und Velofahren mache aus anständigen Frauen Prostituierte. 
Das war eine sehr weit verbreitete Meinung. 
Auch im deutschen Sprachraum0
reagierte man in der Presse 
mit regelrechter Panikmache.
So hiess es beispielsweise, 
Hysterie durch Velofahren, 
Gefährdung der weiblichen Tugend, 
das Velo zerstöre den häuslichen Frieden
es sei des Teufels, 
und neben diesen gesellschaftlichen Moralverfechtern
gab es auch Mediziner, 
die pseudowissenschaftliche Bedenken 
und Fehlinformationen verbreiteten. 

34:28
Zum Beispiel: 
Velofahren während der Monatsblutung
könne zu Geschwüren
oder Unfruchtbarkeit führen. 
Der grösste Verdacht war, 
dass Frauen sich durch das hin und her 
bewegen auf dem Sattel heimlich selbstbefriedigen könnten
und dass sich dadurch
die ohnehin als extrem gefährlich erachtete
Libido von der Frau 
ins Unermessliche steigern könnte. 
Ein wichtiger Vertreter
In diesem Zusammenhang 
war der Berliner Professor Martin Mendelssohn
und er hatte wirklich das Gefühl
dass
sich für Frauen kaum
eine andere Gelegenheit biete
zu vielfacher und unauffälliger Masturbation
wie beim Radfahren

35:10
Die pseudowissenschaftlichen Theorien
haben vor allem auf die sozialen Ängste
vor Frauen verwiesen. 
Die nun plötzlich 
aus ihren traditionellen Rollen schlüpften, 
die - metaphorisch wie auch buchstäblich - 
von Haus und Herd weg radelten
oder
Und so eben Unabhängigkeit erlangten
und wie wir gesehen haben, 
ja, man ging davon aus, 
das Velo mache aus Frauen Männer
es nehme ihnen ihre Anmut, 
es nehme ihnen die Weiblichkeit, 
es nehme ihnen die Fruchtbarkeit, 
und so im Endeffekt
auch wieder eine riesige Bedrohung
für die Nation
und die traditionelle Ordnung als Ganzes. 

35:54
Und dabei ist wieder
Sexualisierung sehr typisch
für diesen Widerstand. 
So war beispielsweise die Behauptung gängig, 
dass das Velofahren zu Promiskuität führe, 
also zu einem Sexualverhalten
mit sehr vielen wechselnden Partnern.
Übrigens sehr krass, 
diese Annahme
die ist offenbar heute noch
in konservativen Kreisen weit verbreitet
und noch heute
berichten viele Frauen
in vermeintlich liberalen Ländern, 
dass sie auf dem Velo
eher einer sexuellen Belästigung 
ausgesetzt seien als zu Fuss. 

36:29
Also... 
Mich hat das erschreckt, 
wie sich offenbar solche 
sexualisierte Stereotypen bis heute 
bis heute halten konnten. 

36:40
Ja, absolut, ja. 
Spannend ist ja auch, 
dass das nachher von Herstellern
aufgegriffen worden ist. 
Also die haben diesen 
Mythos
von der Sattelstimulation
aktiv bedient 
und kommerziell genutzt
und haben songenannt
anatomische oder hygienische Sattel
spezifisch für Frauen entwickelt, 
die dieser angeblichen Stimulation entgegenwirken sollten
durch eine vertiefte Rille in der Mitte
und eine verkürzte Nase. 
Also Sattelnase. 

37:11
Es ist schon spannend, oder?
All das, 
alle die Verdächtigungen, 
all die pseudowissenschaftlichen Diagnosen
trotz all dem Sprechen von Männern
über den weiblichen Körper
und über ihre Rollen, 
die sie beibehalten und nicht verändern soll, 
trotz all den Beschimpfungen
und potenziellen Diskriminierungen, 
also trotz all diesem Gegenwind 
feiern frühe Feministinnen das Velo
als Werkzeug der Emanzipation. 
So wird zum Beispiel bereits 1896
im "Munsey Magazine" geschrieben, 
für Männer sei das Velo
lediglich ein Spielzeug
für Frauen jedoch
"ein Ross, auf dem sie in eine neue Welt reiten".

37:55
Schön.
Auch sehr schön
hat es die Frauenrechtlerin
Susan B. Anthony
ausgedrückt, auch 1896:
"Das Fahrrad
hat mehr zur Emanzipation 
der Frau beigetragen als irgendetwas
anderes auf der Welt. 
Ich stehe jedes Mal auf
und freue mich, wenn ich eine Frau
auf einem Rad vorbeifahren sehe. 
Es ist das Bild einer freien, 
ungehemmten Weiblichkeit."

38:17
Perfekt
Ja und
trotzdem haben es Frauen
gerade im Spitzensport
noch lange schwer gehabt, 
berücksichtigt zu werden. 
Erst ab den 1950er Jahren
gab es Frauen-Velorennen auf nationaler Ebene, 
ab 1958 auch Strassen-Weltmeisterinnenschaften. 
Bei Olympia dürfen Frauen
seit 1984 mitfahren, 
Und so ist es vielleicht
ein bisschen leichter nachvollziehbar
dass noch heute Frauen
in den USA und Grossbritannien
zum Beispiel nicht einmal einen Drittel
von allen Velofahrenden ausmachen. 
Das Verhältnis ist ausgewogener 
in den Niederlanden und Dänemark, 
übrigens auch in der Schweiz, 
viel ausgewogener, 
fast halb-halb
weil die Infrastruktur sicherer ist. 
Aber zu dem ganzen Thema
von Strassenkampf und Stadtplanung
kommen wir ja in der nächsten Folge.

39:10
Ja
absolut
Also wir haben heute schon gesehen, 
das Velo bringt
Körper, Raum,
Klasse und Geschlecht
in Bewegung.
Es zeigt sich früh, 
das Velo ist eben auch 
ein politisch und kulturell
und sozial aufgeladenes Objekt. 
Es spiegelt die Umbrüche
einer Zeit wider. 
Es steht für Fortschritt, 
für Mobilität, für Beschleunigung.
Aber es war eben auch eine Zeit, 
in der traditionelle Lebensstile und Familienverhältnisse, 
Öffentlichkeiten und Räume
ganz neu verhandelt wurden, 
und auch Teilhabe an diesen Räumen
zu sehr starken Kontroversen führte. 

39:48
In der nächsten Folge
geht es noch ein bisschen stärker
um die Frage von Velo und Macht. 
Also wir uns Militärgeschichte an, 
wir schauen auf Tourismus,
Alpen und Körperkultur,
Urbanisierung, Verkehr und Politik. 
Wird auch sehr spannend
und wir hoffen, dass ihr auch dann 
wieder zuhört. 

40:08
Unbedingt.
Und Barbara, 
ich hätte wieder ein Zitat zum Abschluss. 

40:11
Oh ja bitte!

40:13
Okay
und zwar dieses Mal
vom südafrikanischen Erzbischof
und Nobelpreisträger Desmond Tutu. 

40:19
Der hat sich auch zum Velo geäussert? 

40:21
Ja
"Give a man a fish, 
and feed him for a day. 
Teach a man to fish, 
and feed him for a lifetime. 
Teach a man to cycle, 
and he will realize, 
fishing is stupid and boring."