Zeitreise. Der Podcast

Dr Härdöpfel: Eine Knolle schreibt leise Weltgeschichte

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Die Kartoffel ist weit mehr als nur Beilage. In dieser ersten Folge unseres Podcasts reisen wir mit ihr durch die Zeit und von den Anden nach Europa. Wir sprechen darüber, weshalb der Knolle zunächst mit grossem Misstrauen begegnet wurde, wie sie sich dennoch zum Massenprodukt entwickelte – und wie die Abhängigkeit von ihr in Irland während der grossen Hungersnot ein dramatisches Kapitel von Armut, Krankheit, Migration und Tod schrieb. Wir blicken aber auch auf die Rösti, darauf, wie der Härdöpfel die Schweiz im Zweiten Weltkrieg zusammenhalten sollte, wie er zur Fastfood-Ikone wurde und was die Kartoffel heute mit Hightech und Raumfahrt zu tun hat. Eine Knolle, erstaunlich viel Weltgeschichte.

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Hier zum Wochenschau-Beitrag: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/013783/2021-01-07/

Zeitreise – der Podcast, der die Vergangenheit hörbar macht. 

Mit Ausflügen in unbekanntere Kapitel der Geschichte. 

Vorwärts und rückwärts durchs 20. Jahrhundert

Und über Umwege vom kleinen Detail zum grossen Ganzen. 

Mein Name ist Barbara Miller.

Und ich bin Simone Rees. 

Simone, jetzt geht's los. Bist du bereit?

Yes.

Wir haben uns lange überlegt, mit was fangen wir an. Wir fanden dann, dass wir mit etwas ganz Alltäglichem einsteigen, das wir alle zu Hause haben, aber das eine wahnsinnig spannende Geschichte hat.

 Wir fuchsten uns dann in dieses Thema rein und sahen, dass es ganz viele spannende und unerwartete Facetten und Geschichten in sich vereint. Dass sich an etwas Kleinem,  Alltäglichem auch die ganz grossen Zusammenhänge erzählen lassen.

Wir schauen heute nämlich auf eines der mächtigsten Produkte der Globalgeschichte. Und zwar ist das nicht Gold oder Erdöl, sondern unser Protagonist ist klein, schrumplig und lebt unter der Erde. Wir geben nämlich in diesem Podcast einer Beilage die Hauptrolle, und schauen uns an, wie niemand anderes als die gute Kartoffel die Menschheitsgeschichte im Stillen für immer verändert hat.

Die Kartoffel ist heute eine der wichtigsten Ernährungsquellen für die Menschen rund um den Globus. Vielleicht ein paar Zahlen dazu. 2024 wurden weltweit ca. 390 Mio. Tonnen Kartoffeln produziert. In der Schweiz essen wir pro Person ungefähr 45 kg im Jahr. Das ist aber nichts verglichen mit dem Konsum in Belarus: Die sind Spitzenreiter mit 170 kg pro Person.

Wow. Wobei wahrscheinlich einige von diesen Kilogramm auch flüssig verarbeitet werden.

Das weiß ich nicht. Guter Punkt.

Es ist schon spannend: Überall auf der Welt sind Kartoffeln verbreitet Und gleichzeitig haben die Leute überall auf der Welt das Gefühl, dass die Kartoffel bei ihnen ganz Besonderes einheimisch sei oder in ihrer Küche ganz speziell typisch.

Also denken wir zum Beispiel an Gnocchi in Italien, Knödel in Deutschland oder Klösse, je nachdem wo in Deutschland man ist. Gratins – Dauphinois oder auch eben nicht – in Frankreich. Alugobi in Indien oder Korokke in Japan zum Beispiel. Und bei uns in der Schweiz kann sich das ja teilweise sogar schon entlang von Kantonsgrenzen unterscheiden.    – Ich nehme an, in deinem Heimatkanton hast du auch ein ganz typisches Gericht?

Natürlich! Bei uns in Graubünden ist das Maluns. Maluns macht man mit gekochten Kartoffeln vom Vortag, also mit Gschwellti vom Vortag, reibt sie ganz fein, mischt Mehl dazu und dann in der Pfanne anrösten und das isst man mit Früchtenkompott, mit Apfelmus oder so dazu. Es ist mega, mega fein. Auch sehr verbreitet.

Klingt sehr fein.

 Ja, mmmmh… Es ist auch sehr verbreitet in unserem Kanton. Es ist auch eines der Gerichte, das über die Sprachgrenzen hinweg ... Also, sowohl die Räteromanen wie auch die Deutschsprachigen essen Maluns. Und es heisst auch bei beiden gleich. Und um die Bedeutung dieses Kartoffelgerichts in unserem Kanton vielleicht ein bisschen zu unterstreichen: Das berühmte Sprichwort, es wird nicht so heiss gegessen, wie es gekocht wird, heisst auf Räteromanisch: Man muss Maluns zuerst abkühlen lassen, bevor man es isst. Es hat sogar Eingang gefunden in ein Sprichwort.

Wow!

 Nein, es ist mega fein, absolutes Soulfood, zeigt aber auch von der Zutatenliste her, dass es ein Gericht ist, das in der ärmeren Bevölkerungsschicht entstanden ist. Damit sind wir schon bei einem ganz wichtigen Aspekt der Geschichte der Kartoffel. Sie hat nämlich sehr viel mit Sozialgeschichte zu tun, mit Klasse, mit der Ernährung der untersten Bevölkerungsschicht.

 Klar, und gleichzeitig hat diese Knolle natürlich auch eine sehr spannende Wirtschaftsgeschichte, was viele sicher erwarten. Aber sie ist auch politisch interessant, was wir heute noch unterschiedlichen Versionen beleuchten Und, was vielleicht etwas unerwarteter ist, die Kartoffel ist eben auch immer wieder eine kulturelle Projektionsfläche. Also wenn ich zum Beispiel an die Berner Kartoffel-Spezialität denke, das wäre ja wahrscheinlich die Berner Rösti, die im Gegensatz zu der Zürcher Rösti mit Geschwellten, also mit gekochten Kartoffeln vom Vortag gemacht wird. Meistens gibt es das bei uns, nachdem wir Raclette gegessen haben. Und sie wird dann auch mit Speck vererdelt. Bei der Berner Rösti ist es tatsächlich so, dass sie 2012 zum “immateriellen Kulturgut” und einer “lebendigen Tradition” des Kantons Bern erklärt wurde.

   Eine vielfältige Geschichte. Auf jeden Fall ein wichtiges Produkt in unserem Alltag. Und auch wichtig über die reine Nutzung als Energielieferant, als Nahrungsmittel hinaus. Die Food-Historikerin Rebecca Earle hat die Kartoffel als «most successful immigrant», also als erfolgreichste Einwandererin in der Menschheitsgeschichte identifiziert. Weil – in globalen Dimensionen betrachtete – ist die Geschichte der Kartoffel noch nicht so alt.  Nur knapp 500 Jahre. Also ja, relativ, in der Menschheitsgeschichte betrachtet sind 500 Jahre nicht so viel.

Aber die Kartoffel hat natürlich schon sehr viel länger eine sehr steile Karriere hingelegt. Bekannt und genutzt wurde er zuerst in Südamerika, genauer gesagt in der Anden-Region. Und das schon sehr, sehr lange. Um deine Dimensionen wieder aufzunehmen. Ein paar sagen schon seit über 6000 Jahren, andere schätzen sogar seit 8000 Jahren. Und hier zeigt sich ja auch die Robustheit dieser Nutzpflanzen. Sie ist nämlich in den Anden in Höhenlagen von 4500 Metern über Meer angebaut worden und das wird sie bis heute.

So krass! Das macht wahrscheinlich keine anderen Nutzpflanzen mit, solche Höhenlagen. Interessant erschien mir auch, dass die Menschen in den Anden Kartoffeln nicht nur anbauten, sondern auch sehr ausklügelte Verfahren zur Konservierung entwickelt haben. Zum Beispiel haben sie Chips gemacht. Sie haben die Kartoffeln in den kalten Nächten auf dem Acker liegen gelassen, damit sie gefroren sind. Dann liefen sie am nächsten Tag darüber, um sie zu zerbrechen und die Stücke wurden dann in der Sonne getrocknet. Also quasi gefriergetrocknet. So haben sie Chips hergestellt, die bis zu 15 Jahre haltbar waren. Soll man aber nicht nachmachen, habe ich gelesen, denn mit den heutigen Sorten in Europa geht es nicht.

Es ist ja so, dass im Andenraum nach wie vor die meisten Kartoffelsorten-Sorten nachweisbar sind. Ich glaube, bin nicht mehr sicher, aber glaube, über 6'000.

Ja gefriergetrocknet. Auch eine sehr schonende Haltbarmachung der Kartoffel, bei der sehr viele Nährstoffe erhalten bleiben und die verhältnismässig sehr wenig Lagerraum braucht, weil natürlich das Volumen schrumpft.

Jetzt stellt sich die Frage, wie kommt die Kartoffel nach Europa? Diese Geschichte ist mit der kolonialen Eroberung von Südamerika verknüpft, also mit den spanischen Seefahrern. Diese haben die Kartoffel mit nach Hause genommen und haben sie vor allem auch als Proviant auf ihren Schiffsreisen verwendet. Weil die Kartoffel sehr lange haltbar ist, konnte sie im Gegensatz zu anderen Lebensmitteln nicht so schnell kaputtgehen.

Und hat mit ihren Nährstoffen, im Gegensatz zum gängigen Zwieback zum Beispiel, die Seefahrenden auch noch gerade vor Skorbut geschützt. Also die Krankheit, die durch einen Vitamin-C-Mangel ausgelöst wurde und vom 15. bis 18. Jahrhundert eine der tödlichsten Krankheiten auf der Seefahrt war.

Ach tödlich? Ich dachte, es fallen einem nur die Zähne aus. Okay. In der Schifffahrt hat man die Vorteile der Kartoffel relativ schnell erkannt. Aber bei der Ankunft in Europa war man eher misstrauisch gegenüber dieser Pflanze. Sie ist ein Nachtschattengewächs, die oberirdischen Früchte sind giftig. Und selbst wenn man die braunen Knollen aus der Erde ausgeraben hatte, musste man sie zuerst kochen, um sie essen zu können - alles zusammen war irgendwie komisch und machte wenig Lust auf den Verzehr.

Hm, dafür hübsch zum Anschauen. Also, man hat die Kartoffeln dann in Ziergärten gesetzt, auch in botanische Gärten zum Beispiel. Und die edlen Damen haben die Blüten der Kartoffel als Mode-Accessoire genutzt. Also sogar Marie Antoinette, die berühmte Königin von Frankreich, hat offenbar einen Kranz aus Kartoffelblüten im Haar getragen.

Also eher ein botanisches Prestigeobjekt, könnte man sagen. Wahrscheinlich auch wegen der Herkunft von weit her. Also aufgrund ihrer “exotischen” – in Anführungs- und Schlusszeichen – Herkunft. Wie das oftmals so war bei vermeintlich exotischen Produkten: Einerseits war man Europa sehr fasziniert davon. Andererseits stand man mit sehr viel Skepsis und Abwertung dem gegenüber. Kann man so sagen.

Also vor allem, wenn es um den Verzehr vom unterirdischen Teil der Pflanze ging. Das hat ja Bernhard Schär in seinem Artikel “Rösti und Revolution” sehr schön nachgezeichnet. Die Geschichte reiht sich nämlich in eine grössere Kolonialgeschichte von Nahrungsmitteln ein, bei der Wissen von aussereuropäischen Menschen ignoriert wurde und gleichzeitig neue Theorien aufgestellt wurden über den Menschenkörper, Ernährung und Gesundheit. Die Idee war, dass ein europäischer Körper nur mit europäischen Nahrungsmittel gesund und stark bleiben könne.  Auch in der Schweiz gab es berühmte Denker, die solche Theorien aufgestellt haben, also dass zum Beispiel durch den Konsum von aussereuropäischen Nahrungsmitteln der Europäer in Gefahr laufen würde, zu verweichlichen. Also dass dadurch sein Körper einen Degenerationsprozess durchlaufen würde und er sich den Menschen in den sogenannten “Tropen” angleiche, die in dieser Zeit in kolonialrassistischer Weise als verweichlicht, weniger gesund und genetisch schwächer betrachtet wurden. 

Was auch noch dazukam: Die Kartoffel wird ja nicht in der Bibel erwähnt.

Ich musste ein bisschen Lachen als ich das gelesen habe. Ich habe dann effektiv nachgeschaut, was für Essen in der Bibel erwähnt wird. Es ist eigentlich noch reichhaltig. Also Linsen, aber auch zum Beispiel Melonen werden erwähnt. Aber auch ganz viele Sachen, die man auch nicht gegessen hat in der Schweiz. 

Genau, eben, nicht erwähnt in der Bibel und darum zusätzlich skeptisch. Und gerade die anfangs erwähnte Tatsache, dass Kartoffeln dann als typisch Schweizerisch, als  “immaterielles Kulturgut”, oder wie hast es genannt? 

Als “lebendige Tradition”. 

“Lebendige Tradition”, voilà, als einheimisch angeschaut wurden – dafür braucht es eine “Entexotisierung” von der Kartoffel, eine Heimischmachung. Wir kommen gleich noch darauf zurück.

Musik

Dass die Kartoffel dann doch noch Eingang gefunden hat in die europäische Küche und ganz zentral wurde in hiesigen Ernährungsgewohnheiten, ist eigentlich aus einer Notsituation heraus entstanden. Ernährungskrisen sind nämlich im 18. Jahrhundert immer häufiger geworden und man hat in dieser Zeit das immense Potenzial vom Kartoffelanbau immer mehr erkannt.

Man muss sich vor Augen halten: Mit der gleichen Anbaufläche kann man mit Kartoffeln sehr viel mehr Menschen ernähren, und zwar gesund ernähren. Ich singe jetzt ein Loblied auf die Kartoffeln, aber es ist krass, denn eigentlich haben Kartoffeln fast alle wichtigen Vitamine und Nährstoffe drin, mit Ausnahmen von Vitamin A und D. Das liefert sonst keine Einzelkultur.

Wenn man quasi die Schale dranlässt oder die auch mitisst und noch paar Milchprodukte dazu fügt, die die fehlenden zwei Vitamine haben, dann hat man ein gesundes Grundnahrungsmittel für den Menschen. Also ein einziger Acker Kartoffeln und eine Milchkuh haben die Ernährung einer Familie von sechs bis acht Mitgliedern sichergestellt. Das kann kein Getreide, da ist die Kartoffel die Einzige, die das macht.

Hm, also darum auch sehr attraktiv, um gegen die Hungersnöte vorzugehen. Die Geschichte des Kartoffel-Anbaus wurde – gerade in Deutschland – sehr lange als sogenannte Top-Down-Geschichte erzählt. Das bedeutet, man ging quasi davon aus, dass die Herrschenden gegen den Widerstand ihrer als unwissend und darum der Kartoffel skeptisch gegenüberstehend imaginierten Untergegebenen versuchte, sie zum Kartoffelanbau zu bewegen.  

Zu konvertieren quasi. 

Ja genau. Jetzt gehen aber neuere historische Untersuchungen davon aus, dass es nicht wirklich so war. Nämlich, dass sich die Kartoffel wahrscheinlich viel schneller verbreitet hat, dass es nämlich vor allem Bauern waren, die schon früh den Mehrwert von der Pflanze erkannt und mit der Kultivierung experimentiert haben. Also, dass das auf der alltäglichen Ebene schon lange verbreitet war, bevor die schriftlichen Quellen der Oberschicht es eigentlich erwähnt haben. Wie zum Beispiel in den berühmten Kartoffelbefehlen von Friedrich II. von Preussen.

In Zusammenhang mit Friedrich II. wird ja auch bis heute erzählt, dass er die Kartoffelfelder von Soldaten bewachen ließ, um die umliegenden Bauern neugierig zu machen und sie vom Wert der Kartoffel zu überzeugen. Dann habe er in der Nacht die Soldaten abgezogen und die Bauern kamen dann auf die Felder und haben die Kartoffeln gestohlen. Aber die Geschichte, die man eben Friedrich II. zuschreibt, hat sich wahrscheinlich eher in Frankreich abgespielt. Also es war Antoine Parmontier, der diesen Trick angewandt hat. 

Interessant an dieser Erzählung und Legendenbildung ist ja, dass beide, Friedrich II. und Antoine Parmentier später als Väter der Kartoffel geradezu verehrt wurden. Eindrückliches Beispiel in diesem Zusammenhang ist sicher auch, dass auf dem Grab von Friedrich II. bis heute Kartoffelpflanzen abgelegt werden.

Aber genau so interessant: Für eine Ausstellung über Friedrich II. und die Kartoffel in Potsdam 2012 gingen die Ausstellungsmachenden der Frage nach, ob Friedrich II. selber Kartoffeln gegessen hat. Und sie kamen zum Schluss: Nope. Kartoffeln standen erst bei seinem Nachfolger auf dem Speisplan des Palasts. Und zwar als Nahrungsmittel für die Bediensteten.

Aber die Kartoffel war natürlich sehr wohl interessant für die Herrschenden. Das beschreibt auch wieder die Historikerin Rebecca Earle sehr schön, nämlich dass die Elite natürlich keine neuen Pflanzen entdeckt oder eingeführt hätte, sondern dass die Kartoffel bereits vorhanden war und auch genutzt wurde und darum auch ein Wissen und einen Bekanntheitsgrade gehabt hat. Aber in dieser Zeit haben die Herrschenden immer mehr erkannt, dass eine grosse, aber auch eine gesunde, robuste Bevölkerung von Vorteil ist. Das klingt heute sehr selbstverständlich, war aber damals eine neue Vorstellung von einem Volkskörper. Gesundheit und genügend Ernährung hat man jetzt versucht zu optimieren, weil man den Mehrwert erkannt hat für die Arbeitsleistung des Landes oder auch für die Armee. Und damit letztlich auch für den Machterhalt der Eliten. Darum hat man den Anbau der Kartoffel explizit gefördert.

Hier muss man noch dazu sagen, dass die Kartoffel natürlich noch andere Mehrwerte mit sich gebracht hat. Denn im Gegensatz zu Weizenfeldern zum Beispiel, die bei Kriegszügen oft abgebrannt worden, waren Kartoffelfelder, die unterirdisch waren, nicht so einfach zu vernichten durch gegnerische Armeen. 

Also man kann eigentlich sagen, dass dieser Siegeszug der Kartoffel durch die europäische Ernährungsgewohnheit war wie ein Zusammenspiel von oben und unten. Man kann eben nicht sagen, es ist nur eine top-down implementierte Geschichte. 

Er wird auf jeden Fall immer wichtiger. Er verändert die Ernährungsgewohnheiten. Und er verbessert in der Tat die Nahrungsversorgung gerade für die untersten gesellschaftlichen Schichten ganz fundamental-

Genau. Diese Popularität und dann auch daraus resultierende Abhängigkeit von armen Menschen hat auch zu Katastrophen geführt. Sicherlich das bekannteste Beispiel in diesem Zusammenhang ist die irische Hungersnot Mitte vom 19. Jahrhundert. Ein sehr dunkles Kapitel vom der Kartoffel und ohne das lässt sich ihre Geschichte nicht erzählen. 

In Irland war die arme Landbevölkerung eigentlich völlig von Kartoffeln abhängig. Sie haben kaum etwas anderes gegessen. Nicht zuletzt, weil Getreide und Vieh oft als Pacht an den Grossgrundbesitzer abgeben werden mussten. Kartoffeln waren einerseits die Rettung für ganz viele Leute und verbesserten ihre Ernährungsgrundlage massiv.

Es führte aber auch dazu, dass man sehr stark davon abhängig war und immer mehr einen monokulturellen Anbau pflegte. Und als dann dieser Pilz, die sogenannte Kartoffelfäulnis, von Amerika nach Europa kam, hatte der Schädling in Irland relativ leichtes Spiel.

Also dieser Pilz hat die ganze Ernte und damit die ganze Nahrungsgrundlage für die Menschen zerstört. Ich glaube, das kann man sich aus heutiger Perspektive mit unseren globalisierten Nahrungsmittelverhältnissen kaum mehr vorstellen, was das bedeutet hat: Wenn die ganze Ernte und damit die ganze Existenzgrundlage für sich selber, für seine Familie, für das Dorf, für alle, die man kennt, vor seinen Augen einfach kaputt geht.

Es ist Herbst und alles ist kaputt. Du weißt nicht, was du im Winter essen sollst. Das kann man sich heutzutage nicht mehr vorstellen, was das bedeutete. 

Über 1 Mio. Menschen sind in Irland in der darauffolgenden 7-jährigen Hungersnot verhungert. Ungefähr weitere 2 Mio. sind migriert, vor allem in die USA. Also ein unglaublich tragisches Kapitel in der Geschichte der Kartoffel.

Aber auch ein Kapitel, das zeigt, wie eng Ernährung mit Wirtschaft, Politik und anderen Bereichen zusammenhängt. Denn die Kartoffelfäulnis ist auch auf dem europäischen Festland aufgetreten. Aber dass hier “nur” 100'000 Menschen verhungert sind, lag daran, dass die Behörden Massnahmen ergriffen haben. Aber Grossbritannien, das damals Irland kolonialisierte, hat die Katastrophe ganz bewusst in Kauf genommen. 

Teilweise mit so theologischen Vorstellungen. Das sei eine biblische Plage quasi und man dürfe Gottes Plan nicht reinfunken. Es gab aber auch ganz verschiedene Stimmen in Grossbritannien, die gesagt haben, dass sei jetzt eine grossartige Möglichkeit, Irland endlich zu modernisieren, indem man die Ärmsten im wahrsten Sinne des Wortes eliminiert.

So krass!

Furchtbar!

Dass du einfach hingehst und sagst, ist doch praktisch, dann müssen wir die nicht mehr versorgen. 

Vor allem hätte man die Reserven eigentlich gehabt. Die Speicher Englands waren voll. 

Und Irland hat während diesen sieben Jahren immer Essen exportiert. Es sind Nahrungsmittel abgeführt worden aus Irland.

Ich kenne sehr viele Leute in Irland und es ist wirklich auch ein Kapitel, das bis heute am meisten Wut erzeugt gegen die Vergangenheit der Kolonialgeschichte. 

Mir kommen zwei Sachen in den Sinn in diesem Zusammenhang. Einerseits erklärt sich auch der Stolz der Iren auf ihre Kartoffel. Ich habe mal in Dublin ein Gericht bestellt, von dem es hiess, es käme mit saisonalem Gemüse. Und dann hat man mir vier verschiedene Varianten von Kartoffeln aufgetischt: Einmal frittiert, einmal gekocht, und einmal als Salatform und einmal in einer Ringform. Was ich dann doch etwas witzig fand. Andererseits…

Vielleicht war es einfach die Saison. Vielleicht hatte nichts anderes Saison.

 Ja gut, in Irland gibt es gefühlt sowieso nur eine Saison. Nein, das andere ist, die unglaublich tragische Geschichte in Irland hat auch dazu geführt, dass bis heute Irland das einzige Land ist, das einen Bevölkerungs-Rückgang verzeichnet, seit diesem Zeitpunkt als eine Zunahme. Also auch die Langzeitauswirkungen, die diese Katastrophe hatte.   

Am stärksten betroffen, wie wir es ein paarmal gesagt haben, waren die ärmsten Bevölkerungsschichten. Und die wurden wirklich ausgelöscht. Damit ist auch sehr viel Kultur verloren gegangen. Eine ganz spezifische Art zu leben, eine ganz spezifische Art von Lieder, von Geschichten, die man hauptsächlich mündlich tradierte. Ist alles verschwunden.

Musik

So, wir kommen jetzt von der Globalgeschichte, also von der ganz grossen Perspektive auf die Schweizerische. Und haben ja bereits erwähnt, dass ganz unterschiedliche Prozesse dazu geführt haben, dass die Kartoffel national und regional regelrecht einverleibt worden ist. 

Oh, schönes Wortspiel!   

In der Schweiz kann das sehr schön an der Rösti gezeigt werden. Rösti wurde zuerst ja vor allem von der bäuerlichen Schicht gegessen. Und zwar am Morgen. Als Energielieferant für einen Arbeitstag auf dem Feld. Erst 1900 wird die Rösti als Rezept zum ersten Mal in einem Schweizer Kochbuch erwähnt. 

Und dann relativ schnell bürgerlich aufgewertet. Sie findet ihren Weg von der Küche der ärmen Bevölkerung, der einfache Küche, in die städtische Gastronomie. Ein wunderbares Beispiel dafür ist das Züri-Geschnetzlete mit Rösti. Das Symbol für die Zürcher Küche. Und durchaus für die gehobenere Küche in Zürich. 1947, das erste Mal als Rezept in einem Kochbuch erwähnt. Und ist auch hier spannend: Die Zutatenliste ist nicht wahnsinnig exquisit. Vielleicht abgesehen vom Kalbfleisch für das Geschnetzelte. Aber findet sich bis heute auf den Speisekarten von sehr edlen Zürcher Restaurants.

Und weil die Kartoffel dann nicht mehr assoziiert wird mit der unteren oder der bäuerlichen Schicht, wird sie zur Projektionsfläche für vermeintliche Schweizer Werte, die in der gleichen Zeit propagiert werden. Also nach wie vor Einfachheit, aber jetzt mehr so in einem positiven, noblen Sinn. Sie steht für Genügsamkeit, steht für Bodenständigkeit, für Natürlichkeit und Heimatverbundenheit – also als Symbol für die Nation als Ganzes.

   Aber gleichzeitig eben auch wieder nicht. Denn der Rösti-Graben ist wieder das Symbol für die Teilung oder für die Spaltung. Die Vorstellung oder das Bild eines Grabenes entsteht rund um den Ersten Weltkrieg, als die frankophone Schweiz eher mit Frankreich solidarisierte, die Deutschsprachige mit Deutschland. Aber die Rösti kommt bei diesem Graben, bei dieser Vorstellung erst in den 1960er-Jahren dazu.

Also der Rösti-Graben wird ja dann auch immer wieder als Erklärungsansatz herbeizogen, wenn sich gerade politische oder vermeintlich kulturelle Unterschiede in der Schweizer beobachten lassen. Prominentestes Beispiel hier sicher die EWR-Abstimmung von 1992, der Beitritt zum europäischen Wirtschaftsraum, der auf nationaler Ebene knapp abgelehnt wurde, aber von allen französischsprachigen Kantonen befürwortet wurde. Also ein soziales Konstrukt, es gibt ja den Graben als geografische Realität so nicht, aber er taucht immer wieder auf, um die vermeintlichen Unterschiede zwischen den Sprachregionen zu erklären oder einordnen zu können. 

Immer wenn man das Bedürfnis hat, Unterschiede zwischen den Sprachregionen deutlich zu machen. Teilweise Rösti ein gemeinsames Element von allen Schweizerinnen und Schweizern und teilweise ein trennendes. Auf jeden Fall ist die Kartoffel wichtig für die schweizerische nationale Identität, und zwar auch in anderen Zusammenhängen. Zum Beispiel in der Erinnerungskultur an die sogenannte Anbauschlacht während des Zweiten Weltkriegs. 

Ich weiss nie so genau, ob man mich versteht.    

Ich glaube, die Anbauschlacht geht noch knapp für alle Zuhörenden.  

Geht noch? Okay. die Anbauschlacht meint ja den Plan von Friedrich Traugott Wahlen. Darum auch Plan Wahlen genannt. Sonst sage ich einfach Plan Wahlen. Damit wollte man die Nahrungsmittelversorgung während der Kriegsjahre sicherstellen. Man hat sogar anvisiert, auf Selbstversorgung umzustellen.

Ein ganz wichtiger Punkt in dem Plan von Herrn Wahlen war, dass alle verfügbaren Grünflächen genutzt werden sollen, unter anderem für Kartoffelanbau. Und mit allen verfügbaren Grünflächen hat er alle verfügbaren Grünflächen gemeint. Sportplätze, Rabatten, also alles, was grün war, sollte bepflanzt und nutzbar gemacht werden.   

So ist die Anbaufläche für Kartoffeln während des Kriegsjahrs auch tatsächlich um rund 43'000 Hektar angestiegen. Das entspricht über 61'000 Fussballfelder. In Rabattli wollen wir das gar nicht erst umrechnen. Gerade auch für den Kartoffelanbau hat man in der Anbauschlacht sehr symbolkräftige Grünflächen angelegt. Beispielsweise vor dem Opernhaus in Zürich und sogar vor dem Bundeshaus in Bern. 

Diese Symbolik wurde ganz bewusst bespielt, für die Propaganda genutzt. Der Nutzen dieser Anbauschlacht bestand nicht zuletzt darin, alle Schweizer und Schweizerinnen unter einem gemeinsamen Ziel zu vereinen und dadurch den Zusammenhalt zu fördern. Der Röstigraben quasi zuzumachen. Durch Kartoffelanbau. 

Genau. Wenn ihr liebe Zuhörende euch selber einen Eindruck machen möchtet, von dieser Propaganda zur Anbauschlacht, dann verlinken wir euch unten in den Show Notes gerne einen Wochenschau-Beitrag aus dem Jahr 1941. Dieser ist im Historischen Lexikon der Schweiz zugänglich. In dieser Quelle sieht man ganz schön, was alles mit dieser Anbauschlacht verknüpft wurde.

Das endete ja nicht nach dem Krieg. An die Anbauschlacht wird bis heute fast immer wieder gerne erinnert, wobei gewisse Aspekte bewusst ausklammert werden. Zum Beispiel gab es auch ganz massiven Widerstand gegen diese Pläne, z.B. von von Viehwirtschaftsregionen. Oder auch die Tatsache, dass man von der Selbstversorgung immer noch relativ weit entfernt war. Man konnte den Grad von Selbstversorgung von 52% auf etwa 59% steigern. Allerdings begleitet von einer Senkung der durchschnittlichen Kalorienzufuhr pro Person pro Tag von fast 1'000 Kalorien. Das Narrativ der Selbstversorgung muss stark relativiert werden.   

Was natürlich auch sehr gerne ausgeklammert wurde, ist, dass es häufig nicht der viel Beschworene und in der Werbung dargestellte Bauer am Pfluge war, weil Männer im Aktivdienst waren, die meisten, sondern es waren vor allem Frauen und Kinder, die diese Arbeit leisten konnten.

Und trotzdem wird die Anbauschlacht zum teilweise bis heute zelebrierten Nationalmythos und mittendrin wieder unsere Kartoffel als Symbol für die Schweiz, als widerständig, als selbstversorgend und als unabhängig und ja, geeintes Land.

Musik 

Wir haben jetzt relativ lange über die Schweiz geredet, über die Rösti und die Anbauschlacht und alles, was damit zusammenhängt. Vielleicht öffnen wir noch den Blick auf das Globale und reden über eine Zubereitungsart der Kartoffel, die unglaublich globale Auswirkungen hatte, nämlich über die ... ... Pommes.

Hm, unbedingt. Bei der ist ja nicht ganz klar, wo sie genau erfunden wurde. Frankreich und Belgien streiten sich bis heute.

Wer hat es erfunden?

  Also wir nicht, das ist klar. Aber Frankreich und Belgien streiten sich bis heute. Klar ist, dass auf Märkten im 18. Jahrhundert schon frittierte Kartoffel angeboten wurden und in der gleichen Zeit auch schon der Seine entlang als To-Go Snack verkauft wurden. Das waren allerdings nicht Pommes, die wir heute kennen, in der Stäbchenform, sondern das waren eher so fritierte Kartoffelscheiben. Die haben dann auch wieder ein bisschen ausgesehen wie Chips. Also alles nicht so ganz klar mit der Ursprungsgeschichte der Pommes.

Auch in den USA war die Zubereitungsart des Kartoffelfrittierens schon längst bekannt. Sie erlebte aber nach dem ersten Weltkrieg einen massiven Aufschwung, weil nämlich amerikanische Soldaten les frites von französischen oder belgischen Truppen kennengelernt und mit heimgebracht haben. Das Rezept, nicht die Kartoffeln. Darum sagt man in den USA ja auch French Fries.

Ja, und dass dann die frittierten Kartoffelstäbchen zum globalen Produkt geworden sind, ist natürlich massgeblich auf Fastfood-Ketten zurückzuführen. Die haben sich nämlich in ihrer Essenszubereitung am Modell von Herrn Ford orientiert, also dem Mann, der die industrielle Fertigung von Autos ermöglicht hatte. Und Fastfood-Ketten haben sich das erfolgreiche Konzept zum Vorbild genommen und auf die Essenszubereitung übertragen, also strikte Arbeitsteilung, strikte Standardisierung. Darum spricht man übrigens in diesem Zusammenhang auch vom Fordismus des Essens.

Lustiger Gedankengang… Wenn das für die Autoherstellung funktioniert, wieso nicht auch für die Essensproduktion? 

Well, es hat funktioniert.

Es hat extrem funktioniert! Vor allem ... Also Standardisierung wirklich in allen Bereichen. Überall auf der Welt gibt es fast das gleiche Essen in den Fast-Food-Ketten. Aber nicht nur die Zubereitung, sondern auch die Produkte. Zum Beispiel McDonald's verwendet nur vier Sorten Kartoffeln für seine Pommes weltweit. Wenn man als lokaler Bauer, lokale Bäuerin Kartoffeln liefern möchte an McDonalds, muss man bestimmte Sorten anpflanzen.

Hm, ist ja auch noch spannend, weil nicht alle Kartoffelsorten auf alle Böden zugeschnitten sind. Also das macht ja dann wieder überhaupt keinen Sinn von den lokalen Produktionsverhältnissen her. Im Sinne der Optimierung.

Ja, und die Standardisierung und globale Verbreitung führten dazu, dass Pommes heute eines der meist gegessenen Lebensmittel weltweit sind. Schnell verfügbar, in identischer Qualität, für alle zugänglich. Und in diesem Zusammenhang können wir fast schon von einer globalen Demokratisierung vom Essen reden, die ja begleitet wurde von einer Amerikanisierung und vor allem auch von einer Jugendkultur, die damit im Zusammenhang stand, insbesondere ab den 1980er und 1990er Jahren, als die Pommes quasi zur Sozialisierungserfahrung für viele Jugendliche in der Schweiz werden, also McDonald's als Treffpunkt, cool sein oder als Ort von Freizeit und Popkultur.

Wobei ich mich frage, warum eigentlich der McDonald's? Also fehlen die Räume, also fehlen den Jugendlichen... Es ist bis heute so, dass Jugendliche gerne in den McDonald's gehen, wenn sie in einer Gruppe unterwegs sind. Also fehlen die Räume, um sich anderweitig zu treffen? Ist es das Essen, das dort angeboten wird? Also, dass man kann Pommes essen, weil es vielleicht zu Hause nicht so regelmässig Pommes gibt? Also was ist es, was die Attraktivität ausmacht?

Mittlerweile gibt es wohl in vielen Familien regelmässig Pommer. Vielleicht mittlerweile einfach mit Air Fryers hergestellt. Ich denke, es ist tatsächlich so, dass es erschwinglich ist, etwas zu konsumieren. Und dann hat McDonalds das Konzept, dass Jugendliche dann, nach dem dass sie ihr Medium-Size-Coca-Cola getrunken haben,  nicht gleich wieder verschwinden müssen. Es ist eine gewisse Toleranz vorhanden, dass die Jugendlichen die Räumlichkeiten füllen und sich dort treffen. Das könnt ihr mir vorstellen.

Vielleicht ist wirklich der Raum, der es ausmacht. 

Jetzt, der Siegeszug der amerikanischen Fastfood-Kette hat natürlich auch grosse Kritik hervorgerufen. Also gerahmt in Gesundheitsdebatten, Diskussionen über Massenkonsum und auch starke Konflikte mit vermeintlich traditionellen Essensgewohnheiten und Nahrungsmittelproduktion. Sicher exemplarisch sind die ganzen Diskussionen in Frankreich, wo in den 2000er-Jahren ein regelrechter Kampf um Identität, Landwirtschaft und Kultur stattgefunden hat. Und Pommes frites so quasi als 

Antagonistin inszeniert worden ist zu der Cuisine française. 

Die ganze Auseinandersetzung hat sich vor allem gegen eine Homogenisierung der Esskultur gestellt. Man wollte sich mehr für die lokale Küche und die lokale Landwirtschaft einsetzen. Das lokale Kartoffelgericht statt dem globalisierten;  Gratin statt Pommes.

Und ich finde auch in diesem Zusammenhang ist ja auch wieder die sozialgeschichtliche Dimension sehr spannend. Also Pommes finden sich ja in den Menükarten von sehr vielen Restaurants, von ganz gehoben bis zum günstigen Imbissstand. Aber beispielsweise bilden Pommes auch einen wichtigen Bestandteil der Ernährung der unteren Bevölkerungsschicht, gerade in den USA. Dort hat man ja häufiger mal die paradoxe Situation, dass man in strukturschwachen Regionen problemlos Pommes kaufen kann. In Geschäften, aber eben auch in den Fastfood-Ketten, die dort überall verbreitet sind. Aber Läden, die das ursprüngliche Produkt, also die Kartoffel als frische Zutat anbieten, die fehlen. So ist es nicht die Kartoffel, die wie früher das Brot der Armen darstellt, sondern das industrialisierte, verarbeitete Produkt.

Musik 

Es ist faszinierend, wie viele Geschichten sich an der Kartoffel nachzeichnen lassen und wie viele unterschiedliche Rollen sie einnimmt oder eingenommen hat. Vielleicht zum Abschluss nach dem Blick zurück noch einer nach vor. Denn die Kartoffel wird nämlich aufgrund ihrer Genügsamkeit, Anpassungsfähigkeit und ihrem Reichtum an Nährstoffen als wichtige Zukunftspflanzen angeschaut. Vor allem auch, weil sie weniger Wasser braucht als z.B. Mais oder Reis und man sie in ganz unterschiedliche Klimazonen adaptieren kann. Darum gilt die Kartoffel mittlerweile als Schlüsselpflanze für die Ernährung in der Zukunft. Angesichts wachsender Weltbevölkerung, auch angesichts von klimatischen Veränderungen und Wasserknappheit usw.

Darum wird im Moment auch viel experimentiert mit Genforschung und Züchtung. Da wird ja einerseits versucht, die Kartoffel noch nahrhafter und vitaminreicher zu machen und andererseits soll sie endlich resistent werden gegen Schädlinge. Also die Kartoffel-Fäule, der Pilz, den wir im Zusammenhang mit Irland erwähnt haben, stellt ja bis heute global ein grosses Problem dar.

Und wenn wir schon über Hightech reden im Zusammenhang mit der Kartoffel, wer hätte gedacht, dass wir dort landen? Nämlich ist die Kartoffel auch eine ganz vielversprechende Kandidatin fürs All. Die NASA experimentiert nämlich schon länger mit Pflanzenzüchtungen für den Mars. Am Centro Internacional de la Papa in Lima, Peru, also zu Berndeutsch, Internationales Kartoffelzentrum, ist es vor einigen Jahren tatsächlich gelungen, Kartoffeln in simulierte Marsböden zu ziehen.

Also bald müssen wir wahrscheinlich nicht nur die Globalgeschichte der Kartoffel erzählen, sondern ihre planetarischen Geschichte.

Was für Geschichte. Die Kartoffel wird vom Grundnahrungsmitteln in Südamerika zu einem Exotikum in Europa, vom Brot der Armen zum Nationalmythos und zu einem zentralen Identitätsmarker, zur Fastfood-Ikone und jetzt vielleicht sogar noch ins All. Ich finde es vor allem schön, dass wir am Schluss unseres Streifzugs durch die Kartoffelgeschichte wieder in den Anden gekommen sind.

So schliesst sich der Kreis. 

Schön.

  Barbara, ich hätte zum Abschluss noch ein Gedicht zur Kartoffel. 

Oh. Noch ein bisschen Lyrik.

Genau, noch ein bisschen Kultur. Und zwar von niemand anderem als vom Johann Wolfgang von Goethe: 

Morgens rund, 

mittags gestampft,

abends in Scheiben 

dabei solls bleiben 

es ist gesund.

Schön. 

Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.